Der geniale Hochstapler Postel ist im Begriff, den gefährlichsten Punkt seiner bizarren Lebensreise zu passieren: Er will ein Buch über sich schreiben. Da möchte man ihm zurufen: Achtung! Philosophische Nebelbänke voraus! Nimm einen Theorie-Lotsen an Bord! Vor dir liegt der Hegelsche Umschlag von der Erkenntnis zur Selbsterkenntnis. Wer in der einen genial ist, kann in der anderen kläglich aussehen. Im Ebenenwechsel lauern die Medusen der Paradoxien, deren Blicke lähmen können.

Zunächst ist da die Paradoxie Zenons, des Kreters, der behauptete: Alle Kreter lügen. Wenn du jetzt von deinen Lügen erzählst, wer wird dir glauben? Andererseits, wenn du jetzt die Wahrheit erzählst, verlierst du dann nicht den bisherigen Zauber? Es ist das Hegelsche Dilemma der Anerkennung, dem du schon immer unterlagst. Warst du erfolgreich als falscher Arzt, konnte niemand sehen, wo du wirklich genial warst: als Scharlatan. Wie viele begabte Verbrecher agiertest du deshalb immer riskanter, um endlich entdeckt zu werden. Das müsstest du zum Angelpunkt der Selbstreflexion machen und als Dilemma durchschauen. Sicher ist dir aufgegangen, dass du damit mitten im Problem der Selbstreferenz gelandet bist. Jetzt hast du die Option, dich der Russelschen Typentheorie anzuschließen, die Trennung von Ebene und Metaebene zu verlangen und damit die Konsequenz der Psychiatrie von Palo Alto zu ziehen, wie es etwa Paul Watzlawick empfiehlt. Oder du greifst in die philosophische Tradition und berufst dich auf Vaihingers Philosophie des Als-Ob. Vor allem bist du allerdings ein Dramatiker, ein Erfinder von Lebensromanen, ein Schöpfer sozialer Szenarien, also ein Künstler und verkappter Soziologe - und gehörst ins Paradigma der radikalen Konstruktivisten. Dein persönlicher Leib-und-Magen-Theoretiker ist Erving Goffman mit seinen Büchern Wir alle spielen Theater und Rahmenanalyse. Da kannst du nachlesen, wie du den Eindruck von Wirklichkeit erweckt hast. Dies wird dich vor einer Gefahr bewahren, der du bisher ausgesetzt warst: die für blöd zu halten, die du getäuscht hast. Sie sind dir auf den Leim gegangen, weil sie normal waren. Nur der Paranoiker lässt sich vom Hochstapler nicht täuschen. In Niklas Luhmanns Sozialen Systemen kannst du lernen, dass die Wirklichkeit eine soziale Konstruktion ist, die sich mittels Selbstbeschreibung herstellt, und dass deine Hochstapeleien eine Lehrstunde in der Theorie der Beobachtung zweiter Ordnung darstellen. Du hast durch deine Täuschungen die Beobachtung deiner Opfer beobachtbar gemacht: Man kann an ihnen sehen, was sie sehen und was sie nicht sehen konnten - und erst das macht sie zuschreibbar als Beobachtungen. Von da aus könntest du dein Buch von folgenden Prämissen ausgehen lassen: Du erklärst deine Hochstapeleien nachträglich zu dramatischen Experimenten. Als erkenntnistheoretische Überprüfungsverfahren verhilfst du ihnen so zur philosophischen Dignität im Forum der Wahrheitsfindung. In einer Welt, in der sich jeder inszenieren muss, machst du den Hochstapler zum Testfall für den Politiker. Gerade indem du die Ähnlichkeit zwischen beiden vorführst, schärfst du das Unterscheidungsvermögen des Bürgers. Indem du der Figur des Hochstaplers eine neue Signifikanz verleihst, dramatisierst du eine zeitgemäße Form der philosophischen Selbsterkenntnis.

Wenn es dir in dem Buch gelingen sollte, deine Leser zu überzeugen - und nur dann -, entgehst du dem Paradox des Hochstaplers. Denn dann wird unentscheidbar, ob du wirklich denken kannst oder es nur simulierst.