Doch, ja, schon, das stimmt: unglaublich. Dieses sonderbarste aller sonderbaren Werke der klassischen Epoche - und nun können wir tatsächlich in den Laden gehen und sagen: Den Andreas Hartknopf bitte, von Karl Philipp Moritz ... und billich. Einen Reprint gab es mal, 1968, teuer, und in den dicken, dito teuren Moritz-Werkausgaben finden wir ihn natürlich auch. Aber das ist nun das erste Mal seit über 200 Jahren, dass er wieder zu haben ist, als Buch für sich, und auch von den jungen Leuten an der Universität nicht mehr raubkopiert zu werden braucht - denn spricht man von Kultbüchern, so war der Hartknopf dort längst zur Kultfotokopie geworden.

Ein Buch für sich, allerdings. Obwohl: Buch vielleicht nicht, nicht wirklich. Werk? Text? Textkörper? Man trägt das ja lange schon nicht mehr so eng. Jedenfalls ist, um es gleich vorweg zu sagen, alles daran rätselhaft. Zwielichtig. Ein zwielichtiges, sphinxhaftes Werklein, das Morgen und Abend seltsam ineinander fließen lässt. Nichts für den Leser, das wussten schon die großkritischen Rappelköpfe und Quietschemännchen seinerzeit, die es gleich als "Galimathias", "nichtssagend" und "ohne Verstand" abtaten. Denn der Leser wollte und will Handlung, Geschichte. Autor erzähl, wir folgen dir. Das geht hier nicht.

Jean Paul zählte es zu seinen "Schoos-Büchern", konnte es auswendig. Die so genannten frühen Romantiker empfahlen es einander, die empfindsamen Männer, die selbst denkenden Frauen der Zeit. Es steckt ja auch alles drin: Pietismus und Mystik, Vernunftgewissheit, Freimaurerei, Ekstase und Weltschmerz. Ein Weihespiel ist es, eine Posse, ein Melodram, das mal in nächtlichem Gemurmel zu versickern scheint, dann wieder funkelt vom Morgentau blanker Ironie. Zauberflötentöne liegen darüber, wie so oft bei Moritz, und die Jägerzäune der Katastergermanistik können es nicht fassen: Spätaufklärung, Frühromantik, Klassik ... o je!

Andreas Hartknopf, der Prediger und Grobschmied, traumwandelnd tritt er hervor aus Moritz' großem, zwischen 1785 und 1790 parallel entstandenem Werk und bescheidenem Beitrag zur Weltliteratur, der autobiografischen Überlebensbeschreibung Anton Reiser. Hartknopf ist das Inbild eines anderen Anton Reiser, ein Traum-Reiser: dort eine Existenz, die sich aus Scherben herauswindet, hier ein Lebensroman, der sich in Bruchstücken zu einer großen Konfession verliert.

Wir sehen Hartknopf, ein bisschen Christus und ein bisschen Odysseus, auf dem Weg zurück nach Gellenhausen, seiner Heimatstadt. Sehen ihn, gepeinigt von Hagebuck, einer schwarzen Ausgeburt der Aufklärungspädagogik, und bald darauf in sanftem Gespräch mit Vetter Knapp, dem urchristlichsten, urwirtlichsten aller Gastwirte. "Vetter", verkündet Hartknopf ihm in dessen Gasthaus Paradies, "Vetter, wir sind ist das höchste, was wir sagen können - ... nun laß' er uns auch eine Pfeife Tobak stopfen, und hört er nicht, sein Junge schreit!"

Wer das Höchste gesagt, neiget am Ende zu Komischem sich: Der mysteriöse, rhapsodische Erzähler zeigt uns den jungen Hartknopf am Hochzeitstag und beim Debüt auf der Kanzel, an deren Decke(l), "der heilige Geist in Gestalt einer Taube schwebend abgebildet" war: "Ganz in seinen Gegenstand vertieft, dachte er nicht an das, was über ihm war, und die Länge seines Körpers war Schuld, daß er mit der Stirne gerade gegen den einen Taubenflügel rannte, und auf die Weise die schwebende Gestalt des heiligen Geistes zum Schrecken der ganzen Gemeinde herabstieß."

Burleske Szenen, durchsetzt von Moritzscher Philosophie, von kurzen Eingebungen, mystischen Lichtern ("Wo nimmt mein eigentliches Ich seinen Anfang? Wo hört es auf?"), die zusammen eher ein Muster, ein Ornament, ergeben als eine Fabel. Alles, der ganze Reiz des Textes, liegt in diesem Fragmente-Muster, der nahezu psychedelischen Poesie, Fülle der Assoziationen - ein nicht auszustudierendes Buch, befand Arno Schmidt 1960 in der ZEIT. "Eine wilde Blasphemie gegen ein unbekanntes großes Etwas", nannte Moritz es selbst. Eine wilde Sehnsucht zugleich, wie manche Blasphemie, nach letztem Trost: "Die Weisheit, welche Hartknopf seine Schüler lehrte, ist einzig, fest, und unerschütterlich; sie heißt: Resignation."

"Lassen Sie sich doch Hartknopf vorlesen, wenn Sie solchen noch nicht kennen", bestürmt Jenny von Voigts, Justus Mösers Tochter, 1786 ihre Freundin, die Fürstin Luise von Anhalt-Dessau ... Ja, oder lesen Sie ihn selber!

Karl Philipp Moritz:Andreas Hartknopf. Eine Allegorie Andreas Hartknopfs Predigerjahre; hrsg. von Martina Wagner-Egelhaaf; UB 18120; Reclam Verlag, Stuttgart 2001; 288 S., 14,- DM

Mehr über Karl Philipp Moritz findet sich auch in der ausgezeichneten Monografie, die der Kieler Germanist Albert Meier 2000 bei Reclam veröffentlicht hat (UB 17620; 293 S., Abb., 13,- DM)