In einem erst kürzlich wiederaufgefundenen Dialog mit dem Titel Philosophos. Der Philosoph (noch ungedruckt) berichtet Platon von einem prophetischen Traum, den Sokrates nach einem besonders üppigen Gelage hatte. Sokrates fand sich in einem Gebäude, das er eine "Akademie" genannt hätte, das hier aber mit einem lateinischen Wort, das er noch nicht kannte, "Universität" hieß, was er wortwörtlich als "Wendung ins Eine", gut sokratisch: "Ein-Wendung" oder auch "Ein-Wand" übersetzte. Viele Menschen befanden sich in der "Universität"; etliche standen vor einem Schwarzen Brett, dessen Anschläge sie studierten. Er gesellte sich zu ihnen. Sie lachten, als sie ihn sahen, weil seine Kleidung mit dem halb nackten Oberkörper für sie ungewohnt zu sein schien. Einige nannten ihn, miteinander tuschelnd, einen Penner, eine Existenzweise, die er bisher nur mit seinem Kollegen Diogenes verbunden hatte. Doch als er sie fragte, was sie denn da studierten, antworteten sie bereitwillig, sie läsen die Ankündigungen ihrer Philosophie-"Professoren".

Auch dieses Wort kannte er nicht. Als einer unter großer Heiterkeit der anderen sagte: "Das sind die Antipenner", lächelte er gutwillig. Aber dann fügte ein anderer hinzu, das seien die Universitätsphilosophen. Heute zum Beispiel könne er gleich einen von ihnen hören, einen Herrn Alexander Nehamas. Er sei ein Professor aus der "Neuen Welt" (was war denn das schon wieder?), der aber unter den Philosophen der "Alten" bestens zu Hause sei. Er "lese" über das Thema Die Kunst zu leben: "Sokrates: Lebenskunst und Ironie". - Wie, es sollte über ihn selber gehen? Ja, über sein Leib-und-Magen-Thema, das Thema aller Themen, die Kunst zu leben, vielleicht sogar gut zu leben, und all dies mit Ironie? Das musste er hören!

Man wies ihm den Weg. Der Raum, den er betrat, war fensterlos und künstlich erleuchtet, von guter Luft und griechischer Sonne keine Spur, was die Lebenskunst der Universität in ein eigentümliches Licht setzte. Auch schien man hier das Philosophieren nicht so zu verstehen, dass man, miteinander sprechend, umherging, sondern man saß in langen Bankreihen, die alle auf ein Pult hin ausgerichtet waren, das unten in einer Art von Arena stand. Gleichwie, er harrte des Professors, der da kommen sollte.

Genau mit einem Gongschlag betrat der Professor den Raum, eilte unter dem eigentümlichen Klopfgeräusch der Mithörer zu dem Pult hinab und holte unverzüglich aus einem viereckigen schwarzen Koffer - nein: nicht eine Rolle, sondern viele Blätter weißen Papiers heraus. Und der Professor begann laut vorzulesen, was auf dem Papier geschrieben war und von jedem Hörer eigentlich selber gelesen werden konnte. Aber das irritierte hier niemanden. Sokrates erfuhr zunächst, dass er vor fast zweieinhalbtausend Jahren in Athen gelebt hatte und - hier griff der Professor etwas vor, sodass es Sokrates für einen Moment ungemütlich wurde - nach einem Prozess wegen Gottlosigkeit und Jugendverführung mehr oder minder freiwillig in den Tod gegangen war. Die Kunst, gut zu leben, schloss die Kunst, gut zu sterben, ein.

Eine spannende, ja bewegende Geschichte, wie Sokrates den Gesichtern der Mithörer ansah. Je länger er zuhörte, um so neugieriger wurde er. Offen gestanden hatte er das nicht erwartet. Vielleicht fand er, anders als das Orakel von Delphi es orakelt hatte, doch noch einen, der, wenn nicht weiser, so doch ebenso weise war wie er. Und er müsste seinen Mitbürgern nicht weiterhin mit seiner penetranten Fragerei auf die Nerven gehen.

Ironie als Überlebenskunst

Gewiss, der Professor sprach nach wie vor nur mit sich selber. Das war Sokrates nicht gewohnt. Aber er zitierte immerhin etliche "Stimmen", die anscheinend in den inzwischen verflossenen zweieinhalbtausend Jahren mit ihm diskutiert hatten, einen "Montaigne", einen "Nietzsche", einen "Foucault". In einem besonders ironischen Moment sagte der Professor aber auch, dass die ganze Philosophiegeschichte nur aus ein paar Fußnoten zu Sokrates beziehungsweise seinem Musterschüler Platon bestehe, was ihn nicht hinderte, selber zahllose weitere Fußnoten zu machen: die Lebenskunst - eine Fußnotenwissenschaft. Und dann ewig dieser Musterschüler Platon, dieser Tugendbold, Diktatorenberater und Sonnenanbeter!