Sechs Wochen - das war die Zeit, die Ariane Vuckovic hatte, um sich dem Krieg anzunähern. Erst gegen Ende traute sie sich mitten hinein. Eine junge Journalistin, 27 Jahre war sie alt und zum ersten Mal in einem Krisengebiet: Für den Sender Vox sollte sie 1993 sechs Wochen lang von Kroatien aus über den Jugoslawienkrieg berichten. Die ersten Tage berichtete sie aus Zagreb, dort war es noch ruhig. Doch dann kamen Flüchtlinge in die Stadt und erzählten ihr von Vertreibungen. Ariane Vuckovic wurde neugierig, wagte sich immer weiter weg aus Zagreb in Richtung der Frontlinien, in Dörfer, in denen gekämpft wurde

bis sie schließlich in Mostar recherchierte, erstmals "richtig im Krieg". Als sie wieder nach Deutschland zurückkehrte, hatte sie gelernt, Granaten, die in ihre Richtung geworfen wurden, von Granaten, die aus ihrer Richtung geworfen wurden, am Klang zu unterscheiden. Sie wusste jetzt auch, dass sie zwar Angst vor dem Krieg hatte, aber trotz dieser Angst fähig war zu arbeiten. Wenig später brach Ariane Vuckovic nach Sarajevo auf.

In eine belagerte Stadt.

Zum Kriegsreporter wird man wie Ariane Vuckovic nur an der Front. Zwar sagen fast alle Redaktionen, dass sie ausschließlich erfahrene Journalisten in Kriegsgebiete schicken, aber: Wie kommt man zu dieser Erfahrung? Wissen über die Kriegssituation lässt sich aneignen. Über Bücher, Medienberichte, Kollegen. Auch die Bundeswehr bietet seit zwei Jahren Seminare für Kriegsreporter an. Den Umgang mit Angst und Traumata aber kann man nur im Krieg selbst lernen. Learning by Doing in einem Arbeitsumfeld, das nicht viele Fehler verzeiht.

Das belagerte Sarajevo, 1993. Anders als in Mostar, konnte Ariane Vuckovic nun abends die Stadt nicht mehr verlassen, um in Gegenden zu fahren, die weniger gefährlich sind. Der Krieg hatte sie fest im Griff. Als sie in Sarajevo ankam, gab ihr die Dolmetscherin eine Ortsführung: Das Holiday Inn, in dem die Journalisten untergebracht waren, die Hochhäuser, aus denen serbische Scharfschützen auf Journalisten zielten, die gepanzerten Wagen, die Schutz bieten sollten. Immer auf asphaltierten Straßen bleiben, nie unbekannte Gegenstände vom Boden aufheben, Minengefahr. Die Frontlinie, vielleicht 200 Meter vom Hotel entfernt. "Die Einheimischen überquerten manche Plätze nur rennend. Dort rannte man selber dann auch. Es stand eben nirgendwo ein Schild: ,Vorsicht. Front. Lebensgefahr!'", erinnert sie sich.

Ihr Kamerateam war schon in der Stadt, die Dolmetscherin eine Einheimische, und am Anfang bewegte sie sich nur zusammen mit diesen Menschen. Von ihnen hing ihr Leben ab. Während eines Drehs über das bosnische Olympiateam wurde ihr diese Abhängigkeit fast zum Verhängnis. Die Dolmetscherin sagte, der Drehort sei sicher. Minuten nach ihrer Ankunft hagelten Kugeln über den Platz. Es war einer der gefährlichsten der Stadt. "Von dieser Dolmetscherin trennte ich mich bald. Sie hat oft einfach nicht nachgedacht."

Etwa 600 Journalisten starben in den vergangenen zehn Jahren in Kriegen.