Besorgt stellt der Arzt fest, dass das Herz des Patienten immer noch im gefährlichen Tempo rast, obwohl der schon ein blutdrucksenkendes Medikament einnimmt. "Wir machen jetzt einen DNA-Test bei Ihnen und sehen dann, welche Therapie für Sie geeignet ist", schlägt der Doktor vor. Ein Piks in den Finger. Der hervorquellende Blutstropfen wird auf einem Diagnostikchip aufgefangen und in ein Laborgerät zur automatischen Auswertung geschoben.

Nach wenigen Minuten erscheint auf dem Computerbildschirm das Ergebnis: Der Patient kann die Wirkstoffe schlecht verarbeiten, und so schlägt das Medikament schlecht oder gar nicht an. Weil das bei einem Drittel aller verordneten Medikamente passiert, muss der Arzt ein anderes Präparat wählen und hoffen, dass es besser wirkt.

Medikamente nach Maß wären die ideale Lösung. Wären. Denn noch bleibt das eine Vision, auch wenn die Pharmaindustrie hart daran arbeitet. Das Wissen aus der Genforschung soll dabei helfen, die Arzneimittel den individuellen Bedürfnissen der Patienten anzupassen.

Verantwortlich für das unterschiedliche Anschlagen eines Wirkstoffes sind geringfügige Unterschiede in der Sequenz von Genen. Sie können bereits durch einen veränderten Molekülbaustein entstehen. Die "Snips" (SNP = single nucleotide polymorphism) genannten individuellen Abweichungen in der DNA sorgen dafür, dass ein Medikament schneller oder langsamer aufgenommen und abgebaut wird. Auch Unverträglichkeiten gehen auf das Konto der genetischen Variationen. Mit einem neuen Forschungszweig, der Pharmacogenomik, will die Arzneimittelindustrie die Gene ausfindig machen, die die unterschiedlichen Reaktionen auf Medikamente verursachen.

Davon profitieren nicht nur die Patienten, sondern auch die Pharmaunternehmen selbst. In der Arzneibranche ist die Forschung und Entwicklung das Teuerste am Geschäft, die spätere Herstellung von Pillen und Pülverchen dagegen vergleichsweise billig. Entdecken Forscher kurz vor der Marktzulassung, dass eine Substanz untauglich oder riskant ist - was häufig passiert -, sind schon so viele Kosten entstanden, dass die Verluste leicht dreistellige Millionenbeträge erreichen können. Hinzu kommt der Zeitverlust. Seit Mitte der neunziger Jahre entwickeln sich die Zahl Wirkstoffe und die Ausgaben für Forschung und Entwicklung immer weiter auseinander. Die Pharmaindustrie beziffert deshalb die finanziellen Ausfälle durch unwirksame Medikamente auf mehrere Milliarden.

Hilfe für Forscher und Patienten

Doch damit soll jetzt Schluss sein: Die Schlüsselmethoden, um arzneimittelrelevante Gene aufzuspüren, liefert die Biotechnologie. Sie setzt leistungsfähige Sequenzierautomaten ein, die Millionen von Genfragmenten entschlüsseln, und stellt der Industrie neue Techniken zur Verfügung, mit deren Hilfe Genschnipsel automatisch identifiziert werden. Rund drei Millionen Genabschnitte des Menschen haben einen Einfluss auf die Wirkungsweise von Medikamenten, schätzen Wissenschaftler. Sie kennen schon mehr die Hälfte von ihnen. Und fast ein Dutzend namhafter Pharmahersteller forscht gemeinsam daran, dass bald 750 000 Snips als molekulare Angriffspunkte für neue Diagnostika und Arzneimittel zu identifizieren sind.