Gestohlen wird überall. Das ist nicht weiter verwunderlich in einer Stadt, die dem Glauben ans schnelle Geld verfallen ist. Taxifahrer hören gebannt den neuesten Börsenbericht. Großmütter verkaufen Heroin. Einen Obdachlosen sah ich, der zog das Wirtschaftsblatt Cinco Das aus dem Papierkorb. Darin stand: Eigentum ist gut, sofern es sich vermehrt. Der Räuber, der meine Nachbarin jüngst im Hausflur um ihre bescheidene Rente erleichtern wollte, nahm sich diese Devise zu Herzen, nur rechnete er nicht mit Luisas Starrsinn. Sie schrie aus vollem Hals, was allerdings keinen vor die Tür lockte: Im Fernsehen lief gerade eine Gewinnshow. Aber immerhin, der junge Mann suchte das Weite. Literarischer Diebstahl wäre ihm anzuraten. Der ist in Madrid, zur Zeit Welthauptstadt des Buches, sehr beliebt, erhöht den Bekanntheitsgrad und lässt sich, philologisch korrekt, als Kunstgriff tarnen.

Es begann mit dem Lyriker Luis Alberto de Cuenca, der sich zum Staatssekretär für Kultur hochgedichtet hat. Im Oktober des Vorjahres erschienen unter dem Titel El héroe y las máscaras (Der Held und die Masken) seine gesammelten Essays. Darunter war einer, den er 1988 an der Universidad Menéndez Pelayo vorgetragen hatte. Die Druckfassung umfasst dreizehn Seiten, nun stellt sich heraus, acht davon hat de Cuenca wortwörtlich von dem britischen Gelehrten Philip Gosse abgeschrieben, der Bequemlichkeit halber aus der spanischen Übersetzung. Erwähnenswert ist auch, dass es sich bei dem plagiierten Werk um eine Geschichte der Piraterie handelt.

Luis Alberto de Cuenca war entrüstet, weniger über sich als über die Zeitung El Heraldo de Aragón, die den Fall öffentlich gemacht hatte. Er kritisierte das "Fehlen ethischer Werte" in den Medien und behauptete, dass sie "nicht mich, sondern das Staatssekretariat attackieren" wollten. An seinem Tun fand er nichts Verwerfliches. "Natürlich hab ich abgeschrieben. Aber weder um mich zu bereichern, noch um jemanden zu betrügen, sondern um das Werk von Gosse in Spanien bekannt zu machen." Er habe den eigentlichen Autor immerhin zweimal zitiert, am Anfang und in der Bibliografie. Auch Homer habe seine Texte zusammengeflickt, und so sei das bis in die Renaissance hinein zur allgemeinen Zufriedenheit weitergegangen: "Dann ist dieser moderne Humbug vom geistigen Eigentum aufgekommen."

De Cuenca fiel bisher nur durch seine Äußerung auf, der von Franco-Vasallen ermordete Dichter Federico Garca Lorca würde heute die postfrankistische Regierungspartei Partido Popular wählen. Außerdem meinte er, dass es in Spanien einfach zu viele Buchhandlungen gebe, worauf er die Preisbindung für Schulbücher auf hob. Seither haben etliche Läden zumachen müssen.

Bald darauf sah sich der Verlag Planeta veranlasst, den melodramatischen Wälzer Sabor a hiel (Bitterer Geschmack, 100 000 verkaufte Exemplare) aus dem Handel zu ziehen. Der Illustrierten Interviú war nämlich aufgefallen, dass die als Autorin genannte Fernsehmoderatorin Ana Rosa Quintana Romane von Danielle Steel, Marcela Serrano und Ángeles Mastretta geplündert hatte.

Quintana führte den Tatbestand auf einen Irrtum ihres Textverarbeitungsprogramms zurück, gestand dann aber, dass sie den Roman gar nicht selbst geschrieben habe. Ein Ghostwriter, ihr ehemaliger Schwager David Rojo, habe die inkriminierten Stellen in das Manuskript geschmuggelt. Von Rojo war für dieses Frühjahr ein Roman angekündigt, der bislang nicht erschien. Sein Titel hätte nicht schlecht gepasst: A Pulgarcito nadie le engaña, auf Deutsch etwa "Niemand führt Däumling hinters Licht".

Im März stand Camilo José Cela im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses. Der wegen seiner derben Umgangsformen bekannte Schriftsteller war für den Roman La cruz de San Andrés 1994 mit dem Premio Planeta ausgezeichnet worden. Um diesen Preis hatte sich damals auch Carmen Formoso mit dem Manuskript Carmen, Carmela, Carmiña beworben, war aber leer ausgegangen. Als der Autorin das prämierte Werk in die Hände fiel, kam ihr dessen Inhalt seltsam vertraut vor, und sie klagte den berühmten Kollegen sowie den Verlag Planeta des geistigen Diebstahls und der Unterschlagung an. Der Kritiker Ignacio Echevarra hielt den Vorwurf nach Lektüre beider Romane zwar für unangemessen, allerdings spreche einiges dafür, dass Cela Formosos Manuskript vorlag und dieser davon "auf irgendeine Art" Gebrauch gemacht hatte.