Das kleine Buch der Liebe sei ein kleines Wunder, war vorab über den ersten Spielfilm der brasilianischen Dokumentaristin Dandra Werneck zu hören.

Betrachtet man sich Wernecks vorangegangene Arbeiten, darunter den vielfach ausgezeichneten Film Krieg der Kinder von 1991, hätte man es gern etwas größer gehabt - das Wunder, das Reflektionsniveau, das ästhetische Format.

Mag sein, dass die Brasilianer es leid sind, von Filmen über Frauen im Gefängnis, Prostitution und Kinderarbeit erdrückt zu werden, wie sie Werneck zwischen 1984 und 1993 gedreht hat. Mag sein, dass es in einem Land, das von Gewalt, Rassismus, Sexismus und mafiosen politischen Strukturen gebeutelt wird, zur emotionalen Notwehr gehört, über die Irrungen und Wirrungen der Hormone so anekdotisch zu flachsen, wie es Das kleine Buch der Liebe tut.

Aber zum einen gibt es dafür die unzähligen Telenovelas, die das Geschäft der Herz-Schmerz-Gesänge ehrlicher, soll heißen, ohne pseudointellektuelle Analyse der immergleichen weiblichen Heiratswünsche und männlichen Sexfantasien besorgen. Zum anderen erinnert Wernecks mikroskopisch kleines Filmschaffen schmerzlich an den weltumfassenden, bedauerlicherweise aber in Vergessenheit geratenen Anspruch des brasilianischen Cinema Novo. Sollte es Sie nach einer brasilianischen Komödie gelüsten, deren Gehalt nicht schmilzt wie Eis in der Sonne, brauchen Sie eine gute Videothek: eine, die Macunaima von Joaquim Pedro de Andrade führt.