Die erste Szene des Films Gladiator zeigt die Grenze des Römischen Reiches in den germanischen Wäldern. Die Römer haben Feldzeichen, blinkende Rüstungen, Zelte, Wurfmaschinen aus dem braun-grünen Wald auf der anderen Seite dringen Nebel und tierisches Gebrüll, zottelige, in Fell gekleidete Menschen brechen durchs Unterholz. Über der Szenerie erscheint in der deutschen Fassung die erklärende Schrift: Germanien. Auf Englisch aber lautet sie: Germany, Deutschland. Hätten die Übersetzer nicht Germanien geschrieben, sondern tatsächlich Deutschland, und würde den deutschen Zuschauern beim Erscheinen dieser Schrift ein Schauer über den Rücken gehen, dann würden sie zeigen, was der Literaturwissenschaftler Karl Heinz Bohrer vermisst: ein "Fernverhältnis" zur Vergangenheit.

Doch nur ein winziger Bruchteil des deutschen Publikums von Gladiator dürfte bei jener Schrift Germanien etwas von jenem düsteren Deutschland verspürt haben, das die amerikanischen Zuschauer hier mitdenken und mitspüren. Uns fehlt, so die Feststellung, die Bohrer kürzlich in einer ambitiösen Vorlesung zur Eröffnung der "Gadamer-Stiftungsprofessur" in Heidelberg traf, ein imaginativer, poetisch-gefühlsstarker Bezug zu unserer fernen Vergangenheit, zur deutschen Geschichte vor ihrer modernen Unheilsepoche.

Karl Heinz Bohrers Behauptung ist brisant und komplex, und bevor man zu seinen Begründungen kommt, muss man diese Behauptung präzise wiedergeben.

Bohrer unterscheidet zwischen dem Nahverhältnis zur Geschichte des "Dritten Reiches" samt seinem unmittelbaren Vorlauf im kleindeutschen Reich Bismarcks und einem Fernverhältnis zu den älteren Epochen der deutschen Geschichte in Mittelalter und früher Neuzeit. Dieses Fernverhältnis existiere gar nicht mehr. Bohrer spricht emphatisch von "Erinnerungslosigkeit" sie setzt er von dem moralisierenden Begriff "Geschichtsvergessenheit" ab, welcher die angebliche, in Wahrheit längst überwundene Verdrängung der nationalsozialistischen Zeit bezeichnet. Diese "Erinnerungslosigkeit" könne gut zusammen bestehen mit der Konsumentenfreude an beliebig-bunten Geschichtsausstellungen. Was aber fehlt, ist der Bezug zwischen Vergangenheit und Gegenwart, jene emotionale Verbindung, die ein "Ich" voraussetzt, nämlich das Gefühl, dass es immer noch eine eigene Angelegenheit ist, wenn jemand vom Gang nach Canossa liest oder von Luthers Standhalten auf dem Reichstag in Worms. Diesen Bezug nennt Bohrer "Status des Vergangenseins", "Trauer", "Eros", auch "nationale Zivilisation". Es geht Bohrer, mit einem Wort, um das epische Moment der Geschichte und um das Subjekt eines solchen Epos, die Nation, an der man teilhat in Wohl und Wehe.

Schwer erzählbare Geschichte Bohrer hat Recht. Ein solches poetisch-emotionales Fernverhältnis zum Vergangenen besteht heute in Deutschland in der Tat nicht. Kaum jemand dürfte heute über den Dreißigjährigen Krieg so trauern, wie es beispielsweise Wilhelm Raabe in vielen seiner Romane vermocht hatte. Die früher oft gestellte Frage, ob die Reformation ein Fluch oder Segen für die deutsche Geschichte war, ist den meisten heute gleichgültig. Das Davonkommen Friedrichs des Großen im Siebenjährigen Krieg, der Aufruf An mein Volk von 1813, das Parlamentarierpathos von 1848 - all das ist nichtssagend für uns.

Warum? Bohrers Antwort verweist nicht einfach, wie es nahe läge, auf die nationalsozialistischen Verbrechen, deren Übermaß an Schuld und Grauen alle anderen Bilder der Vergangenheit verblassen lässt. Zwar hat diese jüngere Vergangenheit schon durch ihr schieres Übergewicht im Gedächtnishaushalt einen Großteil der Gefühlsenergie gebunden entscheidend aber sei, Bohrer zufolge, die Art der Befassung mit ihr. Bohrer nennt sie "moralisierend", "universalistisch", er findet sie unhistorisch, ihn stört der Anteil sozialwissenschaftlicher Systematik daran. Die Fixierung auf den Holocaust im zeitgenössischen historischen Bewusstsein geht für ihn einher mit ungeschichtlichem Denken. Bohrer aktiviert also, mit einer Verbeugung vor dem Namengeber seiner Vorlesung, die alten hermeneutischen Motive des deutschen Historismus gegen die "ungeschichtliche" Aufklärung allerdings tut er dies, nach seiner Art, nicht mit antiwestlicher Stoßrichtung, sondern im Namen der ausgeprägten Nationalidentitäten Westeuropas, vor allem Frankreichs: Wenn französische Mittelalterhistoriker wie Le Goff oder Duby neue Einsichten in soziale, symbolische und politische Zusammenhänge aufzeigen, dann handeln sie, Bohrer zufolge, immer auch von "französischen Zusammenhängen", deren Kontinuität beim erinnernden Ich eine reflexive Bewegung in Gang setze, die "Faszination am fremden Eigenen". Hier gibt es jenes "Fernverhältnis" noch, das Bohrer in Deutschland vermisst.

Wer hat Schuld, dass es in Deutschland fehlt? Bohrer nennt den ahistorischen Verfassungspatriotismus der Habermas-Schule, die soziologische Geschichtswissenschaft namentlich Hans-Ulrich Wehlers und eine naive deutsche Europa-Ideologie, die hofft und glaubt, die Nationen seien bereits im Verschwinden begriffen. All dies aber sei Folge jenes auf mechanische Weise moralisierenden Verhältnisses zum Holocaust. Es antworte auf die fast gelungene Auslöschung des jüdischen Volkes mit der symbolischen Auslöschung der deutschen Geschichte.