Schmerzhaft musste Eberhard Schwinger in dieser Woche erfahren, wie kurz die Zerfallszeit eherner moralischer Überzeugungen ist. Noch vor wenigen Tagen hatte der Lübecker Humangenetiker jede Forschung seiner Kollegen an menschlichen embryonalen Stammzellen vehement bestritten. Nicht einmal "Überlegungen", das brisante Material zu importieren, seien angestellt worden, betonte der Leiter des Instituts für Humangenetik und Prorektor der Universität Lübeck. Falls in Zukunft doch ein Forscher die umstrittenen Zellen beziehen wolle, würde man selbstverständlich "diese Frage der Ethikkommission der Universität vorlegen".

Am Montag wurde Schwinger eines Besseren belehrt: Nicht nur, dass ein Privatdozent des Lübecker Universitätsklinikums schon im vergangenen Sommer embryonale Stammzellen bei einem amerikanischen Lieferanten geordert hatte.

Die heikle Fracht war sogar bereits eingetroffen - ohne dass die Ethikkommission der Hochschule davon überhaupt etwas geahnt hatte.

Wie eine Bombe platzte diese Nachricht in eine wissenschaftspolitische Debatte, wie sie das Land noch nicht erlebt hat. Die tiefgefrorenen Stammzellkulturen aus Übersee zwingen Wissenschaftler aus ihren Labors ins grelle Licht der Öffentlichkeit, stellen die Berliner Koalition auf eine schwere Belastungsprobe und entzweien die Republik. Just als die Tagesschau die fast vergessenen Zellen im Kühlschrank der Lübecker Klinik präsentierte, als wären sie waffenfähiges Plutonium, versuchten SPD und Grüne in Berlin mühsam, eine gemeinsame Linie in Sachen Stammzellen zu finden (siehe Seite 27).

Kaum je hat ein wissenschaftliches Thema einen derartigen Stellenwert eingenommen. Täglich schüren neue Enthüllungen, Spekulationen und Verdächtigungen die Debatte. Was vor einem Jahr nur ein paar hundert Forscher weltweit in ihren Fachveröffentlichungen diskutierten, stellt nun deutsche Philosophen, Kardinäle und Minister vor die neue Gretchenfrage: Wie hältst du's mit den Stammzellen? Selbst Hinterbänkler im Bundestag sehen sich genötigt, Nachhilfeunterricht in Biologie zu nehmen.

Im Verlauf einer Debatte, in der sich Ethik, Ökonomie, Wissenschaft und Parteipolitik fast undurchschaubar vermengen, "verlieren manche Politiker, Journalisten, Pfarrer und selbst einige Wissenschaftler den Überblick", diagnostiziert Detlev Ganten, der Direktor des Max-Delbrück-Zentrums in Berlin-Buch.

Das erlebte nicht nur die Universität Lübeck, an der unvermutet Stammzellen auftauchten, sondern auch die benachbarte Hochschule in Kiel. Diese wurde vergangene Woche Opfer eines journalistischen Fehlalarms.