Erfindungsreiche Armut prägte die Nachkriegszeit. Den Glauben an die Chancen des Mangels haben wir allerdings verloren. Warum eigentlich? Heute könnte er wieder nützen.

Im Spectator, der Zeitschrift des etwas frecheren britischen Konservativismus, war vor einigen Wochen eine überraschend optimistische Einschätzung der wirtschaftlichen Lage zu lesen. Nicht dass der Autor Andrew Gimson die neuerdings überall angstvoll diagnostizierte Wachstumsschwäche angezweifelt hätte. Nur bestritt er, dass ein Konjunktureinbruch und selbst eine Rezession wirklich eine so furchtbare Katastrophe wären. Der Boom der vergangenen Jahre hat schließlich auch eine Menge Unsinn mit sich gebracht, Wohlstandsplunder und Angeberallüren Gimson ist, als offenbar leidgeprüfter Vater, besonders schlecht auf die an Rüstungswettläufe erinnernde Verwöhnkonkurrenz unter Eltern zu sprechen, bis hin zu Kindergeburtstagen mit professionellen Entertainern. Wäre es nicht geradezu eine Erlösung, wenn dieses enthemmte Anspruchs- und Verschwendungswesen zusammenbräche?

Natürlich, Rezession hieße Arbeitslosigkeit und damit Unglück für viele. Aber man könnte sich auch mit bescheidenen Ersparnissen wieder ein Eigenheim leisten, Krankenschwestern und Polizisten müssten nicht mehr als arme Irre am Fuße einer von Web-Designern und Investmentbankern in schwindelnde Höhen getriebenen Einkommenspyramide herumkriechen, und vielleicht würden die Leute ein bisschen mehr Zeit auf Freunde und Familie verwenden, statt pausenlos mit Geldverdienen und Geldausgeben beschäftigt zu sein.

Das klingt ziemlich extravagant, übrigens in Tony Blairs Großbritannien wahrscheinlich kaum weniger als in Gerhard Schröders Deutschland. Vor zwanzig Jahren hätte es zumindest hierzulande so befremdlich nicht gewirkt da waren Wachstumsskepsis und Konsumkritik gang und gäbe. Die ganze Gedankenwelt von Bescheidenheit und Selbstbeschränkung, die Idee des "Weniger wäre mehr" scheint seither gründlich aus der Mode gekommen zu sein. Dabei ist der Verdacht, dass Wohlstand den Menschen verdirbt, keine Erfindung übellauniger Grüner, sondern uraltes Kulturgut. Jesus lehrte bekanntlich, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr kommt als ein reicher Mann in den Himmel.

Sparta unter Heucheleiverdacht Auch in der Literatur und der Philosophie der klassischen Antike wird gern über die bedenklichen Folgen des Luxus räsoniert, über Verweichlichung und Dekadenz, die der Bürgertugend abträglich sind. Das knauserige Sparta stand unter den Denkern des Altertums höher im Kurs als das üppige Athen. Freilich hat keiner von ihnen in diesem viel gerühmten Sparta gelebt oder Anstalten gemacht, dorthin zu ziehen. Das ist die Hauptcrux der Reichtumskritik: der Hang zur Verlogenheit moralisch gefährdend scheinen vor allem die Glücksumstände der anderen zu sein, man selbst fühlt sich den Versuchungen des Wohllebens durchaus gewachsen. So auch jene DDR-Intellektuellen, die ihren Landsleuten in der Wendezeit die Gier nach dem glitzernden West-Tand verübelten, während sie selbst dank ihrer Devisen und Ausreisevisa sich seit Jahr und Tag auf dem Kurfürstendamm und anderswo versorgen konnten.

Es fragt sich, ob die These von der korrumpierenden Wirkung des Überflusses eigentlich zutrifft und nicht vielmehr umgekehrt der Mangel die Sitten verdirbt. Dem Sprichwort nach lehrt Not zwar beten, in Wirklichkeit aber oft genug auch stehlen und morden. "Kein Einwand wird mich davon abbringen, zu glauben", hat Ludwig Erhard das Wirtschaftswunder gegen den Materialismusvorwurf verteidigt, "dass die Armut das sicherste Mittel ist, um den Menschen in den kleinen materiellen Sorgen des Alltags verkümmern zu lassen. Vielleicht mögen Genies sich über solche Drangsale erheben im Allgemeinen aber werden die Menschen durch materielle Kümmernisse immer unfreier und bleiben gerade dadurch materiellem Sinnen und Trachten verhaftet. Wir können daher den Prozess der Vermehrung und Verbreitung des Wohlstandes mit Geduld und Zuversicht abrollen lassen, denn was sich heute gelegentlich als ein Missbrauch ausprägt, trägt zugleich den Keim der Heilung in sich. Erst wenn die materielle Basis der Menschen geordnet ist, werden diese selbst frei und reif für ein höheres Tun."

Das alles ändert freilich nichts daran, dass das unbestreitbar eindrucksvolle Wirtschaftswunder im kollektiven Gedächtnis der Bundesrepublik zugleich als peinliche Erinnerung fortlebt, als grobe und stumpfe Zeit hässliche Worte wie die "Fresswelle" zeugen davon. Der Boom ist kein reiner Segen und oft alles andere als ein schöner Anblick er kann Land und Leute ziemlich entstellen. Deutschland hat das schon in der Gründerzeit nach 1871 erlebt, als durch die französischen Reparationszahlungen Geld im Überfluss zu Verfügung stand und in allerlei abenteuerliche Unternehmungen und neureiche Protzbauten strömte. Die Spekulationsblase ist bald geplatzt, die Architektur hat als Dokument von Großspurigkeit und schlechtem Geschmack überdauert. Die Nation musste später viel schlimmere Erfahrungen mit den Folgen von Elend und Not machen jedes Kind weiß, wie erst die Inflation, dann Weltwirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit zum Scheitern der Weimarer Republik und zur Heraufkunft des Nationalsozialismus beitrugen. Es mag sogar sein, dass es bis heute nicht allein die Allerweltsangst vor Wahlniederlagen ist, die deutsche Politiker derart besorgt auf die Konjunkturdaten starren lässt. Es gibt immer noch so etwas wie eine halb bewusste Tiefenüberzeugung, dass hierzulande Wirtschaft in besonderem Maße Schicksal ist, dass Wohlstand, Stabilität und Freiheit in einem prekären Zusammenhang stehen. Niemand glaubt, dass eine Rezession die Demokratie gefährden würde, aber ganz geheuer ist die Sache nach wie vor nicht.