Unter dem Stichwort Monolog (griech. monológos, "allein redend", "mit sich redend") findet sich im Lexikon folgende Anmerkung: "In der antiken Tradition gewann der Monolog vor allem mit dem Zurücktreten des Chors an Bedeutung." Das Zurücktreten des Chors, dauert das vielleicht immer noch an?

Selten jedenfalls waren die Bühnenfiguren einsamer als in unseren Zeiten. Die Theaterkunst scheint geprägt vom feierlichen, unaufhörlichen Zurücktreten des Chors.

Auf der Bühne des Zürcher Schauspielhauses steht ein kleiner Herr mit schreckstarren Augen. Er befindet sich allein in auswegloser Lage. Weiter als von diesem Mann hat sich der Chor nicht mehr zurückziehen können. Der kleine Herr gewinnt dabei sehr an Komik und Verzweiflung.

Er ist einer der Helden des einzigartigen Monolog-Festivals, mit dem das Schauspielhaus Zürich jetzt seine Saison beendet hat. 50 Monologe an vier Tagen auf 15 Bühnen und städtischen Schauplätzen - lauter Kämpfe gegen das Vergessen, das Verlassenwerden, die Gesellschaft, Gott, den Tod, das Universum.

"Tanzen Sie, wenn nötig!"

Der Mann auf der Bühne ist Jürg Kienberger, der kleine, scheue Musiker, der am liebsten mitten in Christoph Marthalers Inszenierungen sitzt wie ein schunkelndes, um sich selbst kreisendes Einmannorchester in einem rasenden Wienerwald-Restaurant. Jetzt ist er ganz allein, 80 Minuten lang. Sein Solo ist, wie viele Stücke dieses Festivals, ein Spiel mit dem Chor, der sich weit zurückgezogen hat. Man könnte auch sagen, er spielt mit der Leere. Kienberger sitzt am Konzertflügel vor einem Mikrofon, das so viel Hall produziert, als stünde es in einem unterirdischen, in den Alpenfels gesprengten Ballsaal. Er ist ein Alleinunterhalter, und in seinem Tun tut sich der Spalt auf, der durch dieses Wort geht: Allein/Unterhalter. Wenn er ins Mikrofon haucht, hört man den Atem eines Geworfenen. Ein Mann ergibt sich ins Unvermeidliche: "Tanzen Sie, wenn nötig!"

Der Dichter Robert Walser, ein Landsmann Kienbergers, hat gesagt: "Wenn ich keine Musik höre, dann fehlt mir etwas, wenn ich Musik höre, dann fehlt mir auch etwas. Das ist das Beste, was ich über Musik sagen kann." Es ist auch das Beste, was man über Herrn Kienberger sagen kann, über einen der großen musikalischen Komiker in monologischen Zeiten. Wenn er spielt, fehlt uns etwas. Wenn er nicht spielt, fehlt noch mehr. Leider hört er auf, bevor man den Widerspruch in den Griff bekommt. Man wünscht sich nur, er würde immer weiterspielen