Mein ist die Mitte! Wie gern er der Moderator ist. Also "organisiert" er Konsense an Runden Tischen, in Kommissionen und Räten, und dieses kleine Bild der Gesellschaft hält er dann am liebsten dem Parlament oder der eigenen Fraktion vor Augen, um sie herumzukriegen. Weshalb bloß möchte Gerhard Schröder ausgerechnet in der komplizierten Frage der Forschung an embryonalen Stammzellen und der pränatalen Implantationsdiagnostik (PID) seine Lieblingsrolle verlassen, warum will er so zielstrebig den Moderatorenstuhl räumen, weshalb ist er derart Partei und eben nicht "Mitte"?

Bei Lichte besehen, hat nicht nur die Koalition, sondern auch das Parlament soeben ein Stück seiner Rechte zurückerobert. Im späten Herbst wird über die aktuellen Fragen der Biomedizin im Bundestag abgestimmt. Und dort hat auch Gerhard Schröder nur eine Stimme. Dort geht es dann um das Embryonenschutzgesetz aus dem Jahr 1991, das Abgabe, Erwerb und Verwendung menschlicher Embryonen verbietet zu anderen als ihrer Erhaltung dienenden Zwecken. Die Forschung an Embryonen, die in Deutschland erzeugt werden, ist folglich nicht erlaubt. Der Import von embryonalen Stammzellen allerdings ist demnach gestattet. Der Kanzler möchte am liebsten daraus die Schlussfolgerung ziehen, dass die Biomediziner im Lande, die forschen wollen, auch mit importierten Zellkulturen wirklich forschen. Tempo! Die Konkurrenz ist groß!

Hinzu kommen beinahe täglich neue Berichte über Forscher zwischen Bonn und Kiel, München und Köln, die darauf brennen, sich mit Material aus Labors in den USA, Australien oder Israel beliefern zu lassen - oder bei denen es bereits lagert. Mit Ärger darüber hält Schröder sich nicht lange auf. Wenn es je einen Kanzler gab, für den die normative Kraft des Faktischen erstes Gebot ist, dann ihn.

Aus solcher Sicht erscheinen auch das Parlament und seine Enquete-Kommission, die eigens zur Klärung der biomedizinischen Streitfragen eingerichtet ist, wie Hindernisse. Schröder, das war schon zu spüren, hätte es im Zweifel gehalten wie Wolfgang Clement. Mit dem Kopf durch die Wand. Vergesst die Grünen, wenn sie so fortschrittsgrüblerisch sind. Schluss mit der ewigen deutschen Prinzipienreiterei. Während die Bischöfe beider Kirchen hier "Heiligkeit des Lebens" rufen und die Menschenwürde "von Anfang an" geschützt wissen wollen, hielt er den 18 Koalitionären am Montagabend im Kanzleramt vor, stimmt in Frankreich ein katholischer Kardinal auch noch der Liberalisierung und dem therapeutischen Klonen zu. Paris, du hast es besser.

Spätestens im Dezember, so viel steht nun fest, fällt die Entscheidung. Und zwar dort, wo sie hingehört, also im Bundestag. "Trödeln verboten!", bringt Margot von Renesse das auf den Begriff. Sie spricht von einer doppelten Selbstverpflichtung. Diejenigen, die "Moratorium" gesagt haben, aber ein Vertagen ohne Ende meinten, könnten nun auch nicht mehr ausbüxen.

Voraussichtlich wird bis dahin eine Gruppe von Abgeordneten einen Gesetzentwurf einbringen, um den Import embryonaler Stammzellen zu Forschungszwecken zu verbieten. Ob in Gesetzesform oder nicht - dann jedenfalls werden die Befürworter des Imports der umstrittenen "Ware" regeln müssen, zu welchen Bedingungen, von wem an wen, mit welchen Zielen und wie deklariert das Geschäft mit all seinen großen ethischen Implikationen künftig abgewickelt werden darf.

Das muss nicht bedeuten, dass das Embryonenschutzgesetz novelliert wird. In jedem Fall aber läuft es auf eine Präzisierung der bisherigen Gesetzeslage hinaus. Die angebliche Lücke im Gesetz von 1991, das der Entwicklung hinterherhinkt, würde geschlossen. Eindeutig sind die Mehrheitsverhältnisse zwar nicht. Und es stellt die einzelnen Abgeordneten auch vor eine ziemliche Herausforderung. Viele, so geht der Spott, könnten ohnehin "zwischen Stammzellen und Stammaktien nicht unterscheiden". Und gerade, wenn der Fraktionszwang aufgehoben, die Abstimmung also freigegeben wird, dürfte am Ende vermutlich ein Ja zum Import embryonaler Stammzellen herauskommen.