1. Normativität

Eine von Kants großen Einsichten ist, dass wir nicht allein von der Natur bestimmt sind, sondern ebenso von kulturellen Werten und Normen. Unsere Überzeugungen und Handlungen unterscheiden sich von bloßen (Natur-)Ereignissen dadurch, dass wir auf eine besondere Weise für sie verantwortlich sind - in ihnen kommen Verpflichtungen zum Ausdruck. Für Kant lautet deshalb die dringlichste philosophische Frage, was es bedeutet, in der Verantwortung zu stehen oder verpflichtet zu sein. Dabei versteht er das, wofür wir uns verantwortlich gemacht und wozu wir uns verpflichtet haben, als abhängig von den Begriffen, mit denen wir unser Denken und Handeln beschreiben. Dies bedeutet einen radikalen Wandel in unserer Auffassung vom Begrifflichen.

Im Unterschied zu einer auf Descartes zurückgehenden Tradition, wonach unser Verständnis sprachlicher Ausdrücke auf einem rein instrumentellen Umgang mit Begriffen ruht und es in unser freies/subjektives Belieben gestellt ist, ein Wort so oder anders zu verstehen (und auch seine Bedeutung in einem vorsprachlichen Bewusstsein begründet ist) - im Unterschied dazu behauptet Kant, dass es die Begriffe sind, die uns bestimmen. Seine Frage lautet: Was muss ich tun, um einem bestimmten Begriff zu entsprechen? Und zwar in dem Sinne, dass ich mich gegenüber den mit ihm gesetzten Standards verantwortlich gemacht habe, Standards, die über die Wahrheit meines Denkens und Handelns entscheiden? Das ist Kants Frage nach der objektiven Gültigkeit.

Auf den ersten Blick könnte diese Umkehrung als Austausch eines Dualismus durch einen anderen beschrieben werden: Descartes ontologische Unterscheidung zwischen dem Mentalen (Res cogitans) und dem Physischen (Res extensa) wird durch Kants deontologische Unterscheidung zwischen dem Beschreiben und dem Vorschreiben, zwischen Tatsachen (deskriptiv) und Normen (präskriptiv) ersetzt. Doch muss hier die Rede von verschiedenen Dualismen verwirren. Aus einer Unterscheidung wird nur dann ein Dualismus, wenn die Beziehung zwischen den unterschiedenen Momenten selbst uneinsichtig bleibt. Kants Leistung aber liegt darin, dass er die Beziehung zwischen Tatsachen und Normen in einer nicht dualistischen Weise verstanden hat.

Damit präsentiert uns Kant seine Version einer Frage, die schon die Philosophen in der Antike beschäftigte: Wie sollen wir den Unterschied verstehen zwischen der normativen Kraft des besseren Arguments und den Zwängen der sophistischen Rhetorik oder der politischen Propaganda? Die Antwort entwickelt er im Anschluss an eine Idee Rousseaus. Eine auf Normativität begründete Autorität unterscheidet sich von anderen, nicht normativen Zwängen dadurch, dass sie für uns nur dann verbindlich ist, wenn wir sie auch als verbindlich anerkennen. Autorität existiert nur in ihrer - impliziten oder expliziten - Anerkennung als Autorität durch diejenigen, die sich ihr gegenüber verantwortlich machen lassen, indem sie selbst (für sich) Verantwortung übernehmen.

Kant hat diesen Gedanken auf die kurze Formel gebracht: Während auch die Natur durch Regeln gebunden ist (in Gestalt von Naturgesetzen), sind wir normativen Wesen darüber hinaus und in einem anderen Sinne an die von uns gemachten und zu verantwortenden Regeln gebunden. Wir werden dadurch zu mehr als bloßen Naturwesen, dass wir uns für verantwortlich halten - indem wir uns so verstehen oder behandeln, als seien wir in der Lage, uns selbst zu verpflichten. Die positive Freiheit, zu handeln und zu urteilen, ist nichts anderes als unser Vermögen, durch Normen gebunden zu sein, und zwar durch solche, die von uns als verbindlich anerkannt worden sind. Zwänge, welcher Art auch immer und wie sehr wir ihnen auch unterworfen sind, haben demgegenüber nichts mit unserer Anerkennung zu tun; sie existieren unabhängig davon.

Hegel hat all diese Kantischen Bestimmungen akzeptiert. Aber er hat ein entscheidendes Element hinzugefügt: Normative Ansprüche, wie sie in den Begriffen Verpflichtung, Autorität oder Verantwortung zum Ausdruck kommen, sind soziale Ansprüche. Gemeinschaften, die aus normativen Wesen bestehen, setzen sich aus Formen wechselseitiger Anerkennung zusammen. Ebendies beschreibt die Art und Weise, in der aus einer Gruppe konkreter, leibhaftiger Wesen ein gemeinschaftlicher Zusammenhang wird - von Hegel "geistig" genannt. Folgt man seiner Auffassung von Normen, dann beruht unser Leben, Wissen und Handeln unhintergehbar in einer sozialen Praxis. Der frühe Heidegger und der späte Wittgenstein haben dies wieder aufgenommen.