Wahrscheinlich sind sich der Regisseur Quentin Tarantino und der Philosoph Robert B. Brandom nie begegnet. Der Meisterdenker schreibt in der akademischen Wüste von Pittsburgh gewaltige Bücher über den Geist der Sprache; der andere war in den neunziger Jahren der cool killer von Hollywood. Brandom fragt, warum Menschen "Wir" sagen können; Tarantinos Filme zerstören dieses "Wir". "Können wir unser Problem nicht in einem vernünftigen Gespräch lösen?", schreit ein Killer in Reservoir dogs, bevor sich die Mörderbande, die ihre Eigennamen durch Nummern ersetzt hat, in einer Orgie aus Blut und Gewalt gegenseitig auslöscht.

Auch in Tarantinos berühmtestem Film Pulp Fiction scheint die Gewalt grenzenlos zu sein. Verrat mündet in Mord und Mord in Verrat. Am Schluss geht der Film in seinen Anfang über, und alle Gewalt beginnt von vorn. Ein Gangsterpärchen überfällt ein Restaurant, zwei philosophierende Berufskiller sind auf der Jagd, ein erfolgloser Boxer erschlägt seinen Gegner und ein Gangsterpärchen überfällt ein Restaurant. Zwölf Personen begegnen sich in drei Episoden, reden und töten, und nur einer wandelt sich vom bösen Rächer zum guten Hirten. Nur: Was hat das mit Brandoms Sprachphilosophie zu tun?

Ungewöhnlich an Pulp Fiction ist nicht die Logik der Gewalt. Ungewöhnlich ist, dass alle Gewalt auf geheimnisvolle Weise mit dem Dialogischen des Films verknüpft ist, oder mit einer wunderbaren Bemerkung des Kritikers Jerome Charyn: In PulpFiction "zoomt die Sprache ins Auge der Kamera". Der Gebrauch einer Waffe folgt aus Versagen der Sprache; reisst das Gewebe der Kommunikation, wird geschossen.

Für beide, für Brandom wie für Tarantino, ist die Sprache der Ernstfall. Beide sind davon überzeugt, dass unsere Welt zwar aus Sätzen und Zeichen besteht; aber die Welt, die wir mithilfe dieser Zeichen schaffen, ist selbst nicht zeichenhaft, sondern real, grausam und unerbittlich. Wörter sind nicht Schall und Rauch; sie sind Tatsachen, die in der Wirklichkeit neue Tatsachen schaffen. Wörter schneiden wie ein Messer in den Leib der Seele. In der Coverversion eines Neil-Diamond-Stücks in PulpFiction heißt es denn auch: "I've been misunderstood for all of my life / But what they're sayin', girl, it cuts like a knife."

Schon an der zweiten Szene in Pulp Fiction würde Brandom seine helle Freude haben. Tarantino zeigt die beiden Killer Jules und Vincent, wie sie sich auf den Weg machen, um von einem "Partner" ihren Anteil einzutreiben. Der Mann hatte sein Wort gebrochen, und nun soll er mit Waffengewalt gezwungen werden, sein Versprechen einzulösen. Weil die Killer zu früh an den Tatort kommen, haben sie viel Zeit, sich über einen Vorfall in ihrer Gang zu unterhalten. Ihr Boss hatte aus Eifersucht ein Bandenmitglied vom Balkon geworfen und ihm damit einen "Sprachfehler" verpasst. Angeblich hatte der Übeltäter Mia, der Frau vom Boss, die Füße massiert. Aber ist eine Fußmassage schon Ehebruch? Und was bedeutet dieses Wort für die Moral der Killer?

Tarantino zwingt Jules und Vincent dazu, zu erklären, welcher Norm sie folgen, wenn sie von der Bedeutung einer Fußmassage sprechen. Der Film beobachtet, so würde Brandom sagen, wie die Figuren den internen Zusammenhang zwischen der Bedeutung einer Äußerung und ihrer rationalen Akzeptabilität klären. Und in der Tat, jeder Killer interpretiert den anderen und verstrickt sich dabei im Geflecht aus Schlussfolgerungen. Jeder "gibt" und "nimmt" Gründe und misst die Äußerungen des Gegenübers im Licht der Geltungsansprüche, die mit dessen Behauptungen einhergehen. Mustergültig stellen die Figuren "Warum"- und "Sollens"-Fragen; sie klären "normative Zuschreibungen und Schlüsse". In Brandoms Worten könnte man sagen, dass die beiden sich als "selbstbewusste Kreaturen" verstehen, die sich wechselseitig die Anwendungsfolgen ihrer Äußerungen zu bedenken geben und deshalb darüber streiten, was die Norm, die in ihren Behauptungen steckt, für das Handeln bedeutet. "Jeder Sprechakt" verändert die "Stellung in diesem Spiel".

Die Komik (nicht nur) dieser Szene besteht natürlich darin, dass zwei Berufskiller ihre konträren sprachlichen Sichtweisen auf die Welt erläutern und erst einmal klären, welchen Handlungssinn sie mit den Wörtern verbinden. Für Vincent, der später Mia, die drogenabhängige Frau des Gangsterbosses, ausführen wird, war die Fußmassage eindeutig ein Ehebruch, denn sie bedeutet für ihn "mehr als tausend Worte". Für Jules sagt das Wort "Fußmassage" nichts, weshalb er auch nicht verstehen kann, dass es darüber Streit gibt. "Verstehst du, Fußmassagen bedeuten einen Dreck." Zeichen, die nichts bedeuten, können niemanden verletzen. Doch am Ende, nachdem die beiden ihre Auffassungen explizit gemacht haben, verändert sich auch für Jules die Bedeutung des Worts und er räumt ein: "Ist ein interessanter Punkt."