Drei mal 60 macht 180 und in Greifswald einen Bachelor of Arts: An der Ernst-Moritz-Arndt-Universität sammeln die Studenten der Philosophischen Fakultät Leistungspunkte, so genannte Credits. 60 pro Jahr, drei Jahre lang. Bei 180 angelangt, erhalten sie ihren Bachelor. Ein Abschluss auf Raten: Die Lehrveranstaltungen sind zu 16 Modulen zusammengefasst. Für jedes dieser über die Semester verteilten Module gibt es Credits - wenn man die vorgeschriebene Leistung erbringt: Referate, Klausuren, Hausarbeiten. Dafür entfällt die Abschlussprüfung, und die nur sechswöchige Bachelor-Arbeit ist wie das Pflichtpraktikum lediglich eine Leistung unter anderen.

Das Greifswalder Modell hat Seltenheitswert - trotz fast 800 Bachelor- oder Master-Programmen bundesweit. Denn diese international kompatiblen Abschlüsse werden in der Regel nicht in den Geisteswissenschaften, sondern in den stärker verschulten Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften angeboten. Grund sind die Leistungspunkte: Während zunehmend auch Diplomstudiengänge auf Credit-Basis berechnet werden, ist das Prinzip studienbegleitender Prüfungen unvereinbar mit dem traditionellen Magisterstudium der Geistes- und Sozialwissenschaftler. Das sieht viel Eigeninitative und Freiheit vor, wenig Scheine und eine dicke Abschlussprüfung. Zwar ist eine Abschlussprüfung auch mit Credits möglich, doch büßt sie ihre Bedeutung ein.

Bund, Länder und Hochschulrektoren befürworten die flächendeckende Einführung von Credit-Systemen an den Universitäten, um den Hochschulwechsel innerhalb Europas zu erleichtern. Und um eine gleichmäßigere Verteilung des Lernaufwandes zu erreichen und damit eine Verkürzung der Studienzeiten. Was das bedeutet, zeigt das Greifswalder Beispiel: Das Magisterstudium wird in seiner bisherigen Form möglicherweise nicht überleben. "Formal sind Credits zwar nur eine Maßeinheit", bestätigt Stefanie Schwarz vom Wissenschaftlichen Zentrum für Berufs- und Hochschulforschung in Kassel. "Aber konsequent angewandt, können sie wesentlich zum Umbau des Studienplans und des Prüfungssystems beitragen."

Wird es bald nur noch Bachelor- und Master-Studiengänge geben, international kombinierbar und verschult? Dagegen regt sich Widerstand. Harro Honolka vom Institut Student und Arbeitsmarkt in München etwa befürchtet, ohne umfassende Abschlussprüfung werde das Studium zur Häppchensammlung verkommen. "Wir sollten uns die Studierfreiheit im Sinne Humboldts bewahren - nicht aus Nostalgie, sondern weil der Arbeitsmarkt Selbstständigkeit fordert." Stefanie Hofmann, die Projektmanagerin des Greifswalder Modells, kann solche Argumente nicht verstehen, doch sie kennt sie auch aus dem eigenen Haus: Traditionalisten haben dafür gesorgt, dass der Magister-Studiengang in Greifswald weiter besteht. Dabei definiere sich Studierfreiheit doch nicht über das Überschreiten der Regelstudienzeit, sagt Hofmann. "Inhaltlich ist bei uns die Freiheit gegeben, die Studierenden können von 28 Fächern zwei beliebig kombinieren."

30 Stunden Arbeit pro Credit

Womöglich beruht manche Befürchtung auf Unwissen: Bislang begegneten den meisten deutschen Studenten Credits bestenfalls, wenn sie sich Leistungen aus dem Ausland anrechnen lassen wollten. Seit 1989 existiert das European Credit Transfer System (ECTS), um im Rahmen des europäischen Hochschulaustauschprogramms Erasmus Scheine aus dem Ausland über ein Punktesystem in Scheine der heimischen Universität umzutauschen. Inzwischen beteiligt sich daran die Mehrheit der deutschen Hochschulen. Nun die nächste Stufe: ECTS soll auch zum so genannten Akkumulationssystem werden. Von Akkumulation sprechen Fachleute, wenn die erzielten Credits nicht in Scheine zurückgerechnet werden, sondern sich wie in Greifswald zu einer Gesamtleistung summieren. In vielen Ländern ist das der Standard. Doch in Deutschland ist es nur in jeder zehnten Studienordnung vorgesehen. Die Bund-Länder-Kommission hat deshalb ein Verbundprojekt zur Etablierung von Credit-Systemen ausgeschrieben, an dem sich möglichst viele Hochschulen beteiligen sollen. Die Erwartungen sind immens: Die Kultusministerkonferenz spricht von einer flexibleren Studiengestaltung, mehr Transparenz und internationaler Mobilität, ja von einer Entlastung der Studenten - "bei gleichbleibender Inanspruchnahme der Kapazitäten". Seit der Änderung des Hochschulrahmengesetzes von 1998 haben derlei Begriffe ihren festen Platz in der hochschulpolitischen Debatte. Trotzdem wissen viele Professoren und Studenten nicht genau, was auf sie zukommt.

Die Antwort: zunächst einmal eine Menge Rechenarbeit. Bisher wurden Studienpläne auf der Grundlage von Semesterwochenstunden erstellt, also aus Sicht der Professoren. ECTS hingegen orientiert sich am so genannten Work-Load, dem Aufwand der Studenten. Deren Zeit wird damit zu einem wertvollen Gut. Stefanie Hofmann berichtet von den Greifswalder Erfahrungen: "Die Frage war, was brauchen unsere Studenten wirklich, was ist Kerncurriculum? Und wie viel Arbeit können wir ihnen zumuten?" Dazu müssen die Hochschulen die jährliche Lernzeit definieren: Die Kultusminister schlagen 1800 Stunden vor. Diese werden durch die Zahl der pro Jahr zu vergebenden Leistungspunkte geteilt; bei ECTS sind das 60. Damit ergeben sich 30 Stunden Arbeitsaufwand pro Credit. Im März haben sich Europas Rektoren in Salamanca zudem geeinigt, den Bachelor-Titel für 180 bis 240 Punkte zu vergeben. Das entspricht 5400 bis 7200 Arbeitsstunden. Für einen Master sind weitere 120 Punkte nötig. Kritiker befürchten durch die Rechenarbeit ein Ausufern der Hochschulbürokratie.