Genua

Die folgende Geschichte handelt vom G-8-Gipfel in Genua. Sie beginnt mit Oberst Giorgio Tesser. "Was können Sie uns erzählen, Herr Oberst?" Das ist natürlich eine dumme Frage, denn Oberst Tesser wird nichts sagen, nichts von Bedeutung jedenfalls. Die mächtigen Männer werden am Freitag durch das Tor des Palazzo Ducale in Genua schreiten, in dem der Oberst gerade jetzt steht. Hier werden sie zu Tisch sitzen und über die Probleme der Welt beraten. Sie werden über Umwelt sprechen, über Armut, Schulden, Aids und was alles sonst noch die Apokalypse verspricht. Oberst Tesser wartet jetzt schon einmal, gewissermaßen zur Generalprobe, auf hohen Besuch: Silvio Berlusconi, Italiens Ministerpräsident und Gastgeber, hat sich angekündigt. Würde der Oberst jetzt reden, nur ein einziges falsches Wort sagen, dann stünde es morgen in allen Zeitungen. Es würde gewiss auch Silvio Berlusconi zu Ohr kommen, und mit ihm, das weiß jeder im Land, ist wahrlich nicht zu spaßen. Da sieht sich Oberst Tesser lieber vor. Er kennt auch eines der Naturgesetze der Polizei: Je mehr Polizisten an einem Ort versammelt sind, umso weniger reden sie; je wichtiger der Anlass, desto vollkommener ihr Schweigen. Rund 12 000 Uniformierte soll es in Genua derzeit geben, Polizisten, Carabinieri, Elitesoldaten der Armee, Kriminalisten, Terrorspezialisten. Also Totenstille.

"Kommen Sie, Herr Oberst, Sie können uns doch sicher etwas erzählen?!" Der Oberst schüttelt sich ein wenig, er ist ja von Natur aus ein geselliger Mann, das sieht man an seinen rosigen Wangen und der Leibesfülle, in der er sich sichtlich wohlfühlt. Dann ringt er sich doch eine Art Erklärung ab, die dem Charakter einer philosophischen Ausführung nahe kommt. "Ich bin sicher, dass jeder Mensch seine Arbeit in der vollsten Überzeugung macht, dass er sie gut ausführt. Das gilt für Sie", der Oberst legt mir seine Hand freundschaftlich auf die Schulter, "und das gilt für mich." Der Schnauzbart des Obersts fährt einem nahe ans Gesicht. "Das Entscheidende bei alldem aber ist: Der Wert der Arbeit wird erst gemessen, wenn sie zu Ende ist. Ihre Arbeit endet mit dem heutigen Redaktionsschluss. Meine nicht. Wir haben also unterschiedliche Tempi. Wenn Sie verstehen, was ich meine?"

Diese Überlegung trifft nur zum Teil zu, denn Silvio Berlusconi wird kommen und zum dritten Mal nachschauen, ob die Arbeiten auch gut und zu seiner Zufriedenheit vorankommen. Zwischenprüfung.

Es mag seltsam erscheinen, dass ein Ministerpräsident eines der wichtigsten Länder der Welt die Zeit findet, sich aller Details anzunehmen. Aber man muss den Mann verstehen. Er hat schon einmal, 1994, den Großen als Hausherr gedient. Es sollte eine gewaltige Feier werden, damals in Neapel. Berlusconi war erst wenige Monate im Amt, und da wollte er sich in bester Form und Verfassung präsentieren. Der Gipfel von Neapel beschäftigte sich mit organisierter Kriminalität und mit Korruption. Da platzte mitten in den Glanz des Festes die Nachricht, dass die italienische Justiz gegen Berlusconi wegen des Verdachts auf Korruption ermittle. Das war eine Demütigung ersten Grades, und auch um dies wettzumachen, muss Genua nun herhalten.

"Wir haben die Stadt nicht ausgesucht! Sie ist völlig ungeeignet!", ließ Berlusconi verlauten, nachdem er im Juni das Amt des Ministerpräsidenten übernommen hatte. Damit wollte er rechtzeitig Schuld abwälzen, für den Fall, etwas geschehe. Falsch ist es nicht, was er sagt. Berlusconis Vorgänger hat es zu verantworten, dass in dem Gewirr aus engen Gassen, Häusern, Palazzi, Kirchen und Kathedralen, in diesem schmalen Streifen Land zwischen Meer und Bergen, ein großes Massenschauspiel stattfinden wird. Die Organisatoren des "Gegengipfels" haben 120 000 Demonstranten angekündigt, die kommen werden, um gegen die Acht und ihre Art der Globalisierung zu demonstrieren. Berlusconis Vorgänger im Amt konnten nicht wissen, dass die Globalisierungskritiker seit den ersten Protesten in Seattle 1998 zu solcher Stärke anwachsen würden; sie konnten nicht wissen, dass es bei den Demonstrationen zunehmend Gewalt geben würde wie zuletzt in Göteborg und Salzburg. Genua ist in der Tat der schlechteste Ort. Hier ist alles unübersichtlich - geeignetes Gelände für das, was man früher einmal Stadtguerilla nannte.

"Herr Oberst, sind Sie zufrieden mit den Vorbereitungen?" Oberst Tesser lächelt in seinen Schnauzbart und schweigt. Als Mann, der für die Sicherheit zuständig ist, hat er allen Grund zur Freude, denn nichts scheint dem Zufall und der Wut der Demonstranten überlassen zu sein. Genua ist vollständig nach militärischen Gesichtspunkten umgestaltet. Die Stadt ist in eine rote und eine gelbe Zone eingeteilt; um die rote Zone wird für die Dauer des Gipfels ein mehrere Meter hoher Zaun gezogen, die 20 000 Menschen, die in diesem Teil der Stadt leben, erhalten einen Sonderausweis. Schon Wochen vorher hat die Polizei sämtliche Einwohner de facto überprüft; in der gelben Zone, die ein gutes Drittel des gesamten Stadtgebietes Genuas ausmacht, herrscht Demonstrationsverbot; Wasserwerfer und gepanzerte Fahrzeuge sind aufgefahren; sämtliche Gullys der Stadt sind versiegelt worden, damit niemand dort eine Bombe platzieren kann; der Flughafen ist für die Dauer des Gipfels gesperrt, ebenso die meisten Bahnhöfe. Damit der Schutz für die Acht komplett wird, ließ Berlusconi eine Batterie Luftabwehrraketen des Typs Spada auf dem Gelände des Flughafens stationieren. Osama bin Laden, der neue Feind des Westens, soll angeblich gedroht haben, Genua aus der Luft zu attackieren.