Es war einmal ein Trompeter, der spielte so fein traurig, dass sich die Gräser neigten, um seinen milden Tönen zu lauschen. Nun hatten aber seine Brüder und Schwestern in der großen Stadt viel Ehr' und Gunst gewonnen mit ihrem lauten Spiel, dass er sich an seine Kindheit erinnerte, mit all dem Rock und den Elektronika, an den Rattenfänger Miles Davis mit seinem Teufelsgebräu aus Funk und Wahwah-Trompetenspiel. So beschloss er, selbst ein Rezept zu wagen, mit den Gewürzen seiner Zeit, aus Sample und Loops, scratchenden DJs und schwebenden Gitarrenklängen, und legte seinen schmeichelnden Trompetenton darüber, auf dass es dem jungen Tänzer ebenso in die Glieder fahre wie dem alten Genießer das kalte Herz erwärme. Und es war gut und erfolgreich, und so strömten Jung und Alt zum Jahrmarkt, tanzten und hörten, und jeder hatte sein Vergnügen und sein Auskommen.

Das Album nannte er Khmer, es erschien 1997 und wurde von der Kritik als Wiedergeburt einer Symbiose von akustischem Jazz und elektrifiziertem Untergrund gefeiert. Es hätte das alte Lied sein können: der einsame Solist zum kollektiven Gewabber, der musikalische Minimalwortschatz zum rhythmischen Endlosförderband. Doch es war mehr: Die bauchpinselnden Bässe versöhnten sich mit polyrhythmischen Vieldeutigkeiten, darüber legte sich das gehauchte Singen der Trompete, Khmer war - und ist - einer jener Schnittpunkte, die in beinahe klassischer Weise Strömungen der Zeit verbinden, als habe Nils Petter Molvær nie etwas anderes gewollt und gespielt. Und doch enthielt sie schon jenen Spaltungsvirus, den alle Modelle "Solist plus X" enthalten. Wie weit darf sich Begleitung emanzipieren, wie demokratisch geriert sich ein Bandleader? Als er im letzten Jahr mit der CD Solid Ether sein Konzept fortsetzte, spiegelte schon der Titel die Spannung der beiden Konstanten - "fest/massiv" und "Äther". Noch konnte er beides in der Schwebe halten oder vielmehr seine Begleiter; Skandinavier wie er, mit Namen wie Aarset, Erlien, Nyhus, Lidvall oder Arnesen - wer zählt die Beats, wer nennt die Namen?

Hamburg, anno 2001. Wolken voll melodischer und harmonischer Unschärfe, die sich wie Schlieren über das Konzertpublikum legen, die verdecken, wohin die Reise gehen wird. Bis urplötzlich das Schlagzeug losbricht, den Bauch mit Druckwellen attackiert und ein Schlagwetter von Bass und Gitarre sich mit den Klangsplittern von DJ und Syntheziser verbindet. Im Vordergrund Molvær, ein eher unauffälliger, breitgesichtiger Mann, der Satzzeichen und Farbakzente setzt. Es ist das Jahr des 41-jährigen Norwegers, der von Festival zu Konzert zu Festival gereicht wird, Garant für ein Publikum, das sich jederzeit selbst eine Green Card für improvisatorisches Qualitätsempfinden und guten Dancefloor-Geschmack ausstellt. Die Schultern schieben, die Füße zucken, der Kopf schwingt. Der Jazz erobert sich nach 50-jähriger Absenz vom Parkett der Swing-Ära die Tanzzelte, Discotheken und Clubs zurück.

Auch das Licht illuminiert den neuen Weg mit den alten Tricks: farbige Kegel von oben, Flackerspots mitten ins Auge des Publikums, Bühnennebel gar, blauer Himmel samt weißen Sternchen wechselt mit rotem Stoffimitat im Hintergrund, während vorne der bizarr bestrahlte Molvær seine Trompetengedichte rezitiert. Als selbst dem lahmbeinigsten Hörer der Kopf rhythmisch wegnickt, bremst die Musik die Ekstase. Sie ist zu variantenreich, um dabei in Trance zu fallen, zu eintönig, um wahrlich zuhören zu können, sein Ton hat zu viel Moll, um damit richtig happy zu werden. "Mir geht es um Kontrast", erklärt er, "Kontrast erzeugt Spannung, und wenn man damit richtig umgeht, entsteht daraus gute Musik." Es geht nicht gut, die Gräben sind inzwischen zu tief geworden. Wird er lyrisch, wird es zwanghaft leise. Es klingt nach chill out, poetischem Abhängen und Mitternachtsblues. Stille erscheint jetzt als bloßes Gegenteil von Krach, nicht als der andere Teil von Intensität. Man kann den Partygängern mit gelben Plastikstöpseln in den Ohren keinen Vorwurf machen, wenn sie in die Lautlöcher hineinschwadronieren. Wozu jetzt noch Stimmen dämpfen?

Nils Petter Molvær ist in die Rhythmusfalle getappt, die besonders Trompeter anlockt. Während Saxofonisten mit erzählerischer Kraft den Gefahren des oft beschworenen Rhythmusteppichs mehr Widerstand entgegensetzen, verführt die Haiku-Qualität des Trompetentons zu einer gleichförmigen Grundierung des Hintergrunds, die dem Ton Raum schafft. Oder andersrum: Trompeter sind meist nur so gut, wie es die Begleitung zulässt. War das Khmer- und Solid Ether-Geflecht aus Gitarre, Bass, Turntable, Electronics und zwei Schlagzeugern vieldeutig und großräumig, so jagt nun das Presslufthammer-Schlagzeug den Trompetenton vor sich her, schickt die Musik durch einen Tunnel, in dem es kein Ausweichen gibt. Folgerichtig, dass die Musik am stärksten wird, wenn Molvær endgültig beiseite tritt, wenn seine Gruppe zum Tanz aufspielt.

Als Miles Davis in den siebziger Jahren seinen melancholischen Ton in ein elektrisches Signal verwandelte, immer öfter von der Trompete zum Syntheziser wechselte, hatte dies nicht nur gesundheitliche Gründe, es war die folgerichtige Anpassung eines persönlichen Klangs an die Erfordernisse einer tanzbaren Funktionsmusik. Wie der Rhythmus die Musik macht, so verliert auch der Ton seinen Anspruch aufs Original oder anders: Der Mix macht's. Konsequenterweise lässt Molvær seine Stücke von namhaften Remixern bearbeiten, veröffentlicht wundersame Interpretationen seiner sound files, von Herbert, Bill Laswell oder Jan Bang neu gemischt, ist stolz, mit Recoloured (Universal Jazz 013 591) die Weihen des musikalischen Zitats zu erfahren. Die Kopie veredelt das Original. Defensiv klingt diese Haltung, der Musiker steht mit dem Rücken zur Wand, hinter der das Alter droht. Molvær: "Remixer sind die Jazzmusiker der Zukunft. Sie arbeiten in derselben Art wie improvisierende Instrumentalisten. Wenn sie aus den sound files eines Songs etwas Neues zusammenbasteln, machen sie nichts anderes als etwa Keith Jarrett. Wenn der einen Standard wie All The Things You Are spielt, erstellt er eigentlich einen Remix." Das Bild wirkt cool und hängt doch schief, da traditionelle Musiker nicht nur Melodien, Harmonien und Metren remixen. Es geht um den Klang, es sind seltene Musiker wie Molvær, die einen individuellen Ton erschaffen, ohne den Wiedergänger wie Remixer schlechte Karten hätten.

Ich bin mein Remix: Also lauscht man betrübt dem Mann von der Insel Sula, sieht, wie er sein optimistisches Moll zu Markte trägt, den Groove auf einen tanzbaren Nenner bringt, und sich als Trompeter langsam überflüssig macht.