Das Wesen der Geschichte", heißt es in Jacob Burckhardts Weltgeschichtlichen Betrachtungen, "ist der Wandel." Damit erfasste der Basler Historiker ebenso formelhaft wie lakonisch nicht nur eine Art Strukturgesetz historischer Prozesse. Er zeigte zugleich die prinzipielle Affinität von Prozessen, für die das Kulturwesen Mensch verantwortlich zeichnet, zur naturgeschichtlichen Bewegung selbst auf: das materielle Geschick des Menschen - ein analoger Teil des Geschicks auch der unbewussten Materie, die sich dem Bewusstsein als unendlicher Wandlungsprozess darstellt.

Im Unbewussten versunken ist auch die einst handfeste Geschichte eines germanischen Volkes, das zwischen 400 vor und 540 nach Christus ein knappes Jahrtausend Zeit gehabt hat, zu entstehen, da zu sein und wieder zu vergehen: die Wandalen. Geblieben sind - neben spärlichen Resten authentischen Lebens in Form von künstlerischen, hauswirtschaftlichen oder militärischen Gegenständen - vor allem Berichte, die aber zumeist eher polemische Texte denn exakte Zeugnisse sind. Die zentrale, bis heute virulente Legende fußt auf der um 485 verfassten, nicht sehr glaubwürdigen Schrift Historica persecutionis vandalicae des Victor de Vita und bündelt sich im Namen dieses Volkes, der zu einem zeitresistenten Schreckenswort geworden ist. Die Wandalen mögen schon lange dahin sein, der Vandalismus als Verbaletikett muss nach wie vor dafür herhalten, wenn es darum geht, individuelle oder kollektive Gewaltexzesse mit einem Schlagwort zu benennen und zugleich moralisch als besonders barbarisch zu verurteilen.

Es nützt dabei nichts, dass die harten Geschichtsfakten über dieses wohl mobilste Volk der Völkerwanderung keineswegs jenen sprichwörtlichen Horror beglaubigen, für den die Wandalen am Pranger des historischen Weltgewissens stehen. Aus ihren Stammesgebieten in Südwest-Schweden und Nord-Dänemark zogen die Wandalen in Jahrhunderten zunächst ins heutige Polen, später nach Ungarn und Rumänien, schließlich quer durch Süddeutschland nach Frankreich und Spanien, um endlich und ausgerechnet in Nordafrika einen ziemlich eindrucksvollen, in den ganzen Mittelmeerraum ausstrahlenden Schlusspunkt zu setzen. Die so besondere Barbarei, die man ihnen bis heute nachsagt, war in jenen Zeiten eher Regel als Ausnahme, und wer möchte, als Zeitgenosse des 20. Jahrhunderts, ausgerechnet den "Barbaren" noch Barbarei vorhalten?

Geiserich I. jedenfalls, der große König des nordafrikanischen Wandalenreiches, das zwischen 430 und 530 nach Christus existierte, war es nicht, der, wie gern kolportiert wird, Rom niederbrannte, nachdem er und sein Heer die Hauptstadt des morbid-antiken Kaiserreichs West, in der kurz zuvor Herrscher Maximus ermordet worden war, am 2. Juni 455 besetzten. Zwar wurden die beiden Wochen, die sich "Barbaren"-König und -truppen dort aufhielten, optimal zum umfassenden Raubzug in Palästen und Tempeln genutzt - auch von Rom verschleppte Weihegefäße aus dem Jerusalemer Tempel der Hebräer gehörten zur Beute; Roms Kirchen aber "scheinen verschont geblieben zu sein, wenigstens nach dem Schweigen der zeitgenössischen Schriftsteller" (E. F. Gautier) zu urteilen. Jedenfalls hat Papst Leo vierzehn Tage später offenbar guten Grund gehabt, Gott in einer erhalten gebliebenen Predigt nicht nur für den Abzug der Wandalen zu danken, sondern auch dafür, dass die Stadt "gerettet" worden sei. Und das, obwohl mit Geiserich auch noch die bewaffnete Hauptmacht der in Rom so verhassten Konkurrenzkirche der Arianer ins urbane Herz des Katholizismus vorgestoßen war, deren kardinaler Dissenz zur römisch-augustinischen Theologie (Kirchenvater Augustinus war am 28. August 430 nach Christus im von Geiserich belagerten Hippo angesichts der Ketzerarmee gestorben) in der Auffassung bestand, dass Religionsstifter Jesus von Nazareth wohl gottähnlich, gewiss aber nicht gottgleich gewesen sei, was auch heute noch evangeliumsnäher klingt!

Wie sehr der Ruf der Wandalen dennoch dahin war und blieb, zeigt eine Ausstellung, die in Värnamo, einer Kleinstadt in der schwedischen Provinz Småland, zu sehen ist. Auf die Idee, hier, im Ursprungsland der Wandalen, wenigstens ein Stück weit "die wahre Geschichte" des versunkenen Volkes zu erzählen, ist kein anderer als Schwedens international gefragter Ausstellungsmacher und Museumsleiter Pontus Hultén gekommen.

Führte Hultén einst europäische Kunsthäuser von allererstem Rang wie das Centre Pompidou oder den Palazzo Grassi, arbeitet er heute, zusammen mit der Historikerin Marie-Louise von Plessen, seiner deutschen Frau, von Frankreich aus. Diese Situation bescherte den Schweden und ihren Gästen in diesem Sommer nicht nur die überschaubare, gleichwohl glanzvoll bestückte Ausstellung (plus opulentem Katalog) Die wahre Geschichte der Vandalen; bald wird auch ein ganzes Museum, das Museum Vandalorum, nach Hulténs Ideen und Plänen am Rande des Ortes errichtet. In drei Jahren soll es stehen, und Renzo Piano wird es bauen.

Was jetzt in den Räumen auf drei Etagen von Smålands Konstarkiv zu sehen ist, ist somit eine erste Bilanz, darunter ein herrliches Mosaik aus der Nähe Karthagos (6. Jahrhundert v. Chr.), das sonst im Britischen Museum in London bewundert werden kann, Münzen, Helme, Schmuck oder die berühmten, 1928 in Algerien aufgefundenen Geschäftsbriefe und Urkunden auf Zedernholz aus dem 5. Jahrhundert. Die Absicht ist, den Wandalen historische Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Dennoch wird sich das geplante Museum nicht nur mit ihnen beschäftigen. Die aktuelle Konzeption arbeitet dabei zum einen mit einer Rahmenchronologie vom Beginn der Zeitrechnung bis ins Jahr 800; zugleich präsentiert sie historische Texte zur Begriffs- und Deutungsgeschichte der Wandalen bis in die Epoche der Aufklärung, dem geistigen Grund unserer Zeit. Es ist nicht zuletzt die Geschichte einer sehr frühen medialen Kampagne aus dem Ungeist (theologisch-)ideologischer Rechthaberei um den Preis der Wahrheit.