Wer begeistert ist, ist ungerecht. Seien wir ungerecht und vergleichen wir den Komponisten Salvatore Sciarrino nicht zuerst mit denen, die derzeit Musiktheater komponieren, sondern gleich mit Monteverdi, der vor 400 Jahren die Oper erfand (noch so eine Ungerechtigkeit: Er war nicht der Erste, aber der Beste). Sciarrino, Jahrgang 1947, hat sie neu erfunden.

Schon wenn man den ersten Dialog in seinem (achten) Bühnenwerk Luci miei traditrici von 1998 hört, ist es, als sei vom Komponieren der Gegenwart ein Schleier gefallen, als könne hier Musik wieder sprechen, direkt und doch differenziert, vollkommen neu und doch auf Anhieb begreifbar, in den Brüchen des 20. Jahrhunderts die Praktiken der Renaissance erneuernd.

Zu Letzterem gehört die dichte, feine Entsprechung von Wort und Ton, der beim Wort "unterbrechen" unterbrochen wird, bei "Tiefe" in die Tiefe geht und ältesten Leidenschaften folgt: Liebe, Angst, Eifersucht. An ihnen wurde der Renaissancefürst Gesualdo zum Mörder und zum Musiker - er und seine Frau sind die Hauptgestalten dieses Zweiakters (edel classics, 00122222KAI).

Die Frage, ob uns derlei noch bewegen kann, verfliegt sofort in einem der gedrängtesten, intensivsten, sparsamst gesetzten Dialoge, die je zu hören waren. Im dürren Geräuschgespinst eines kleinen Ensembles hasten Silben, stauen sich Töne, um in eilige springende Noten zu zerbrechen, sie folgen mit Notwendigkeit den Worten und der gespenstischen Spannung des Paares.

Salvatore Sciarrino, der Zurückgezogene, der Pynchon der italienischen Avantgarde, hat die Gesualdo-Opern von Alfred Schnittke (1995) und Franz Hummel (1996) weit hinter sich gelassen - und nicht nur die -, weil er so weit zurück greift. Im Sprung über vier Jahrhunderte entsteht eine Sprachmusik von brennender Gegenwärtigkeit.

Die Instrumente umgeben die Sänger mit wortfernen, verfremdeten, reduzierten Tönen, ohne dabei an die Verweigerungsriten der gealterten Neuen Musik zu erinnern. Wenn der Fürst vom Treuebruch erfährt, "Innen, Mittag", ist Geigenfiepen zu hören wie Grillen vor den Jalousien und legt sich zugleich wie ein weißes Gift der Eifersucht ums Hirn.

Solche Assoziationen werden ermöglicht durch eine Struktur von äußerster Transparenz. Sie hat in Beat Furrer und dem Klangforum Wien ideale Interpreten gefunden - und in den Solisten: Annette Stricker, Otto Katzameier, Kai Wessel und Simon Jaunin. Ein Glücksfall! Sciarrino hofft auf ein "Neuentstehen der Musiktragödie". Hier könnte es beginnen.