Ein Präzedenzfall könnte das Urteil sein, das kürzlich ein Gericht im französischen Nanterre fällte - und vielleicht wird es sogar den Weg zu einem transparenteren Kunstmarkt ebnen. Zu acht Monaten Haft verurteilten dort die Richter den in New York ansässigen Kunsthändler Adam Williams. 1990 hatte er bei einer Antiquitätenmesse in Paris ein Bild von Frans Hals angeboten, das einst von NS-Besatzern in Frankreich gestohlen worden war und das der Händler bei Christie's in London ersteigert hatte.

Das Porträt des Pastor Adrianus Tegularius wurde auf der Messe polizeilich beschlagnahmt. Nach fast zehnjährigem juristischen Tauziehen gab das Gericht jetzt den Erben des jüdischen Sammlers Alphonse Schloss Recht - sie erhalten das Bild zurück. Williams wurde zu einer üppigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt, will dagegen aber Berufung einlegen, weil er das kostbare Gemälde in gutem Glauben erworben habe. Schon bevor es in seinen Besitz gelangt war, hatten es Christie's und Sotheby's zweimal ohne weitere Probleme versteigern können, teils sogar mit Angabe der Provenienz.

Das Urteil wird sehr aufmerksam registriert. Für die deutsche Rechtsprechung könnte es ein Denkanstoß zur rechten Zeit sein, den Handel mit gestohlenem Kulturgut weiter einzugrenzen. Derzeit arbeitet eine Kommission im Auftrag des Bundesjustizministeriums an der Reform des Schuldrechts. Allerdings: "Im ersten Entwurf bleiben die entsprechenden Paragrafen unberührt", bemängelt die auf Kunstrecht spezialisierte Anwältin Astrid Müller-Katzenburg von der Berliner Kanzlei Clifford Chance Pünder. "Vielleicht wird ihre Tragweite auch nur übersehen. Wenn das Recht als Waffe gegen den illegalen Kunsthandel wirksam sein soll, müssen aber die Rechtslage bei der Verjährung des Anspruchs der Herausgabe gestohlenen Kunstguts und die Anforderungen an die Erkundigungspflicht nach der Herkunft vor dem Kunsterwerb klarer gefasst werden."

Kunstraub und Hehlerei sind so alt wie der Kunsthandel selbst. Und wenn immer alles legal zugegangen wäre, sähen die Bestände im Louvre in Paris, im British Museum in London, dem Ägyptischen Museum in Berlin oder anderswo bestimmt viel ärmer aus. Unter dem Deckmantel eines hehren Bildungsideals oder aus nacktem Bereicherungswillen wurden antike Schätze von Staats wegen gestohlen, Kolonien ausgeplündert oder armen Ländern ihre kulturellen Güter abgeschwatzt. Die Unesco verweist da beispielsweise auf die Samoa-Inseln, Bangladesh und Mali, wo so gut wie keine Kulturgüter übrig geblieben sind.

Ein erster Versuch, den illegalen Handel in den Griff zu bekommen, geht auf einen Staatsvertrag von 1921 zurück, der in Sèvres in Frankreich geschlossen wurde, also Jahre bevor man auch nur ahnen konnte, in welchem Ausmaß die Nationalsozialisten Kunst als "entartet" brandmarken, beschlagnahmen, rauben und das, was nicht zerstört wurde, dem Schwarzmarkt zuführen würden.

Erst jetzt wachen die Museen auf Ihre Spur führt in Museen, private Sammlungen und in den Handel. 120 Gemälde kritischer Provenienz aus dieser Zeit hängen in der National Gallery in London, ein umstrittener Kandinsky gilt als Prunkstück der Fondation Beyeler bei Basel, fraglich ist auch die Herkunft von Werken Schieles im Museum of Modern Art in New York. Die Liste lässt sich endlos fortsetzen.

1970 und 1995 verabschiedeten Unesco und Unidroit (Centre international pour l'unification du droit privé) in New York und Rom internationale Konventionen zu gestohlenen und rechtswidrig ausgeführten Kulturgütern. Darin wird hauptsächlich dem Käufer von Kunst die Verantwortung übertragen, sich vor dem Kauf über die Herkunft der Ware zu erkundigen.

Ratifiziert haben bisher 91 Staaten das Unesco-Abkommen, vornehmlich die ausgeraubten Drittweltländer. Von den so genannten Kulturnationen setzte Frankreich 1997 seine Unterschrift darunter. Wichtige Kunstumschlagplätze wie die Schweiz und Belgien sind noch nicht dabei, auch Japan, Großbritannien und die Bundesrepublik haben sich der Konvention bisher verweigert.

So spät wie die Wirtschaft die Verantwortung für die Entschädigung der Zwangsarbeiter während der NS-Zeit übernahm, kommen nun auch deutsche Museen ihrer Pflicht der Überprüfung von "NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut" nach. Einer Berliner Erklärung des Bundes und der Länder vom Dezember 1999 folgend, durchforsten die großen Häuser in München, Berlin, Köln, Stuttgart und Hamburg nun ihre Bestände. Was auch immer dort zum Vorschein kommen mag, "jeder Fall ist individuell zu behandeln", sagt Uwe M.

Schneede, der Direktor der Hamburger Kunsthalle. Seiner Meinung nach sei jeder Anspruch verjährt, die moralische Verpflichtung aber bleibe bestehen.

"Nur im Einzelfall können wir entscheiden, ob mit möglichen Geschädigten über Rückgabe, Leihgabe oder andere Modalitäten verhandelt werden kann."

Während die Museen intern ihren ethischen Hausputz vornehmen, erweisen sich drei öffentlich zugängliche Datenbanken zur Auffindung gestohlenen Kulturgutes als immer nützlicher. Das vor zehn Jahren gegründete Art Loss Register, (www.artloss.com) listet mehr als 100 000 gestohlene Kunstwerke im Internet auf und kann inzwischen jährlich eine Aufklärungsrate von 25 Prozent vorweisen. Das Register mit Sitz in New York, London, Köln und in Sankt Petersburg arbeitet mit Interpol, dem Zoll, internationalen Auktionshäusern, Versicherungen und dem Getty Research Institute zusammen, in dessen Bibliothek sich allein 800 000 Kunstnachschlagewerke befinden (www.getty.edu/art/provenance).

Aktiv an der Auffindung gestohlener Kunst beteiligt ist ebenfalls die fast namensgleiche, vom Bund und allen Bundesländern in Magdeburg angesiedelte Koordinationsstelle für die Rückführung von Kulturgut (www.lostart.de). Auch die großen Auktionshäuser fühlen sich inzwischen verpflichtet, ganze Abteilungen zur Überprüfung der Seriosität ihrer Ware zu unterhalten.

Ob nun der Musterprozess in Nanterre wirklich zu einem gerechteren Kunstmarkt führen wird? Ulli Seegers vom Art Loss Register in Köln ist eher skeptisch: "Die Eindämmung des Handels mit gestohlener Kunst geht mit einer Austrocknung des Marktes einher und steht damit naturgemäß den Interessen der daran Verdienenden entgegen."