Im heißen Juli 1945 saßen sich in Deutschland zwei Ärzte gegenüber, ein Neurologe und ein Hirnforscher. Keine ungewöhnliche Szene, möchte man meinen.

Beide wussten, worüber sie fachlich sprachen, und doch verstanden sich die Männer nicht. Das war ungewöhnlich. Der Neurologe Leo Alexander, geboren 1905 in Wien und als Frankfurter Jude 1933 in die Emigration getrieben, inzwischen Offizier der US-Army und mit Vorermittlungen gegen deutsche Medizinverbrecher beauftragt, befragte seinen Kollegen Julius Hallervorden. Professor Hallervorden hatte nicht emigrieren müssen - auch gar nicht wollen - und in den Berliner Bombentagen und -nächten als Zellpathologe am Max-Planck-Institut für Hirnforschung menschliche Nervenzentren in Feinschnitte zerlegt. Seine Untersuchungsobjekte waren Gehirne von Patienten der Heilanstalt Brandenburg-Görden. Zumeist kleine Patienten waren es gewesen, deren Denkorgane man dem Forscher vorgelegt hatte, Kinder mit angeborenem oder erworbenem Schwachsinn, mit Verhaltensstörungen, mit sozialen Auffälligkeiten, mit Lernbehinderungen.

Wir alle kennen solche Kinder. Sie wollen unseren ehrgeizigen Normen nicht entsprechen, aber sie wollen tun, was sie können, wollen spielen, lachen, auch lernen, vor allem aber leben, in vollen Zügen. Der wissbegierige Wissenschaftler jedoch hatte ihre Tötung für sein DFG-Projekt "Angeborener Schwachsinn" in Auftrag gegeben, ihre Hirne in sein Laboratorium bestellt.

Auf die Frage Alexanders nach der Krankenmordaktion und der Entstehung seiner Hirnsammlung antwortete Hallervorden: "Ich hatte gehört, daß da so etwas gemacht werden sollte, und deshalb ging ich zu ihnen, um meine Mitarbeit etwa mit folgenden Worten anzubieten: Schaut her, wenn ihr diese Leute umbringen werdet, dann nehmt doch wenigstens ihre Gehirne heraus, so daß dieses Material noch ausgenutzt werden kann. Man fragte mich dann: wieviel können sie denn untersuchen? Ich antwortete, soviel ihr habt, je mehr desto besser (...). Da waren wunderbare Materialien unter diesen Gehirnen, herrliche Veränderungen, Mißbildungen, frühkindliche Erkrankungsformen. Natürlich habe ich diese Gehirne gerne genommen. Woher sie kamen und wie sie zu mir kamen, das war wirklich nicht meine Sache. Das Ganze war phantastisch."

Wie konnte Leo Alexander leben mit dieser Geschichte und den vielen anderen ähnlichen, die ihm aufgetischt wurden. Zahllose Geschichten von Morden für die medizinische Wissenschaft, von verbrauchenden Experimenten für den Seziertisch und die Feinschnittapparatur? Wir wissen es nicht, und auch Ulf Schmidt kann diese Frage nicht beantworten in seinem wichtigen Beitrag über Leo Alexander in dem kürzlich vorgelegten Sammelband Vernichten und Heilen.

Angelika Ebbinghaus und Klaus Dörner ist es zu danken, dass dieses - nach Alexander Mitscherlichs und Fred Mielkes Medizin ohne Menschlichkeit (1947) - vielleicht wichtigste Werk über die deutschen Medizinverbrechen während der NS-Diktatur erscheinen konnte. Wichtig nicht nur deshalb, weil die Autoren minutiös das Grauen deutscher Forschungsmedizin zwischen 1939 und 1945 dokumentieren, sondern weil hier erstmals auch die Hintergründe des Nürnberger Ärzteprozesses 1946/47, seine Vorgeschichte und seine Wirkungen im Hinblick auf die Ethik des Humanexperiments beleuchtet werden. Herausragend in der Auswertung neuer Quellen ist fraglos der Beitrag von Karl Heinz Roth über die menschenverachtenden luftfahrtmedizinischen Versuche in Dachau.

Besonders hervorzuheben sind daneben auch die Aufsätze von Angelika Ebbinghaus über Opfer und Täter der kriegschirurgischen Experimente in den Konzentrationslagern und von Klaus Dörner über das Selbstverständnis der angeklagten Mediziner.

Die erste Auflage von Mitscherlichs und Mielkes Dokumentation war noch zu großen Teilen wieder in die Mahlwerke der Papierfabriken gewandert, weil man nicht Kenntnis nehmen wollte von der unsäglichen Wahrheit. Ein solches Schicksal wird diesem Band nicht beschieden sein. Man wird ihn lesen, lesen müssen, und zuletzt vielleicht doch nicht verstehen können, denn das Geschilderte ist zu monströs.

Man wundert sich, wie filigran Leo Alexander 1945, noch unter dem unmittelbaren Eindruck der Ereignisse, die schrecklichen Fakten zusammentragen, zerlegen, autopsieren und deuten konnte: "Viele dieser sogenannten Experimente basieren direkt und offen auf Methoden zur Zerstörung und Verhinderung von Leben durch 'Euthanasie' (...). Die neuen tödlichen Injektionen, die neuen Gase, die vergifteten Geschosse, sie alle stellen eine wunderbare Ansammlung von neuem und gefährlichem Wissen dar, nützlich für Kriminelle überall auf dieser Welt und nützlich für einen kriminellen Staat, falls ein solcher nochmals die Erlaubnis erhält sich zu etablieren."

Keiner dürfte diese Auffassung weniger geteilt haben als der persönliche Begleitarzt Hitlers, Karl Brandt, führender Kopf bei der Organisation des Euthanasieprogramms, mit der Hitler ihn und den Leiter der Führerkanzlei, Philipp Bouhler, persönlich beauftragt hatte. Von Alexander zu Beginn des Ärzteprozesses nach seiner Ansicht über die Zukunft befragt, antwortete Brandt: "Da zerbreche ich mir nicht den Kopf darüber. Ich habe vor mir selbst ein gutes Gewissen." Nach der Verkündigung seines Todesurteils versuchte Brandt, der Strafe dadurch zu entgehen, dass er sich für ebensolche medizinischen Versuche zur Verfügung stellte, wie sie zahllose Häftlinge und Patienten in deutschen Konzentrationslagern, Heil- und Pflegeanstalten hatten erdulden müssen. Konnte Hitlers Begleitarzt, Organisator des forschenden Tötens, ermessen, auf welche Torturen er sich durch ein solches Anerbieten einlassen würde? Wohl kaum, denn es darf bezweifelt werden, dass die Schreie der Opfer seinen Schreibtisch je erreicht hatten. Kommentarlos übergingen die Amerikaner das frivole Anerbieten des Verurteilten und hängten Karl Brandt am 2. Juni 1948 in Landsberg am Lech.

Angelika Ebbinghaus/Klaus Dörner (Hrsg.):Vernichten und Heilen. Der Nürnberger und Heilen. Der Nürnberger Ärzteprozeß und seine Folgen

Aufbau-Verlag, Berlin 2001

675 S., Abb., 68,-DM*