Wer Person des öffentlichen Lebens ist, Bundespräsident etwa oder Leiter einer Kreissparkasse, mahnt die Deutschen gern zur Zivilcourage.

Schau-hin-greifein-Kampagnen gehören längst zum Stadtbild. Aber wenn es dann tatsächlich jemand tut, und zwar live und on the road: dann ist oft (nicht immer, aber eben oft) der Beifall flau oder kurz oder er fehlt ganz. Wie beim kurdischen Asylbewerber Umut Demir, der im vergangenen Oktober bei einem Überfall von drei Skinheads dem deutschen Wachmann seiner Unterkunft das Leben rettete - und bis heute auf ein Wort des Dankes von Repräsentanten des Ortes Neustadt an der Dosse wartet (und auf die Bewilligung seines Asylantrages).

Nicht selten werden Anlässe zum Kleinreden der Courage begierig aufgegriffen bis hin zum Versuch, die "Helden", die oft keine sein wollen, moralisch zu demontieren. Wie bei jenem jungen Punk aus Eberswalde, der sich im Mai 2000 mit der Nazitätowierung eines Jungrechten nicht abfinden wollte, dafür im Streit vor ein Taxi gestoßen wurde und starb. Viele Bürger sprachen danach lieber von einem "Streit zwischen zwei gleichermaßen extremistischen Jugendlichen" als von einem mutigen Mitglied ihrer Gemeinde. Anlässlich der Verurteilung des Täters musste dann das zuständige Gericht klarstellen, dass es sich sehr wohl um Zivilcourage gehandelt habe. Oder im Fall jener fünf Türken, die in München einen Griechen vor den Stiefeltritten einer gewalttätigen rechten Partygesellschaft retteten - und nun mit ehrabschneidenden Anwürfen zurechtkommen müssen. Für ihren Schutz und ihre akuten Lebensprobleme möchte sich niemand stark machen.

Was allerdings nichts Ungewöhnliches ist: Auch von anderen Schauplätzen rechtsextremer Gewalt, zumal im Osten, wird berichtet, dass es Zeugenschutzprogramme schlicht nicht gibt und Opfer leicht nochmals zu Opfern werden, wenn sie sich hinterher mit dem, was ihnen widerfahren ist, nach dem Geschmack der Täter zu weit aus dem Fenster lehnen.

Das Verhältnis der Gesellschaft zur Tugend der Zivilcourage ist prekär: Vielleicht ist es ein zu tiefer Stachel im moralischen Fleisch, wenn ausgerechnet Ausländer den Deutschen jenen Mut vorführen, den man selber gerne hätten. Vielleicht wären richtige Heilige lieber gesehen, die nach getaner Tat entschwebten. Aber es sind eben ganz normale Menschen, die rettend dazwischengehen, wenn es brenzlig wird. Sie sind manchmal eitel oder ängstlich, anfällig für die Reize der Inszenierungsgesellschaft - oder deren Anforderungen nicht gewachsen, was gelegentlich genauso übel genommen wird.

Ein übereinstimmendes Ergebnis der so genannten Helferforschung ist dies: Die "Helferpersönlichkeit" steht quer zu gängigen soziologischen Kategorien.

Sozialer Mut gedeiht weder in hoch gebildeten noch überdurchschnittlich gläubigen Milieus besonders üppig, sondern ist dort so häufig oder selten wie überall sonst. Sein Vorkommen ist weitgehend unabhängig von Einkommen, IQ, zur Schau getragenen ethischen Überzeugungen, gesellschaftlichem Status und politischer Gesinnung.