Erika Fuchs, 94, übersetzte mehr als 40 Jahre die Geschichten von Donald Duck und Micky Maus ins Deutsche. Die promovierte Kunsthistorikerin hat Onkel Dagobert und Daniel Düsentrieb ihre Namen gegeben. Mit Wortspielen ("ächz", "stöhn", "grübel, grübel"), Lautmalereien und ihrer Dichtkunst ("Dem Ingeniör ist nichts zu schwör") bereicherte sie die deutsche Umgangssprache. Am 27. Juli erhält sie den Roswitha-Preis der Stadt Gandersheim, zu dessen Trägerinnen Literatinnen wie Elfriede Jelinek, Herta Müller und Hilde Domin zählen.

Belgard an der Persante war eine kleine Kreisstadt in Hinterpommern mit Kopfsteinpflaster, einem Amtsgericht, einem Gymnasium und einer Garnison. Mein Vater leitete das Elektrizitätswerk. Wir lebten in der Dienstwohnung, einem sehr großen Haus mit Riesengrundstück.

Meine Eltern haben uns sechs Kinder streng und zur Selbstständigkeit erzogen. Beim Essen mussten wir hinterm Stuhl stehen bleiben, bis mein Vater kam. Wenn jemand von uns klagen und jammern wollte, hieß es nur: Stell dich nicht an. Reden durften wir jedoch so viel wir wollten.

Das große Haus, die vielen Kinder - damit wurde meine Mutter nur schwer fertig. Mama ist immer leidend, so erlebten wir sie. Erst später begriff ich, was für eine wunderbare Frau sie war. Sie war Volksschullehrerin und hatte eine Ausbildung als Sängerin.

Drei Jahre lang besuchte ich in Belgard die Volksschule, danach ging ich auf die höhere Mädchenschule. Wir trieben viel Unsinn und lernten wenig. Vom geistigen Reichtum in der Welt erfuhren wir erst, als wir eine richtige Studienrätin für Deutsch und Geschichte bekamen. Alle 14 Tage lud sie ein paar Schülerinnen zum Kaffee ein und zeigte uns beispielsweise die Bilder großer Meister, Dinge, die im Unterricht nicht vorkamen. Meine Freundin Asta Hampe und ich waren begeistert. Wir beschlossen, das Abitur zu machen und zu studieren. Mein Vater unterstützte uns. Nur gab es kein Mädchengymnasium in der Stadt. Also musste der Stadtrat darüber abstimmen, ob wir das Jungengymnasium in Belgard besuchen dürften. Das war eine wilde Schlacht: Die Konservativen sahen furchtbare Zustände heraufdämmern; die Erlaubnis bekamen wir schließlich mithilfe der Sozialdemokraten.

Wir wurden zunächst ein Jahr vom Schulunterricht freigestellt, um den Stoff nachzuholen: fünf Jahre Griechisch und drei Jahre Latein. Leider zog meine Freundin schon bald mit ihren Eltern nach Hamburg, und so absolvierte ich als einziges Mädchen die Aufnahmeprüfung für die Untersekunda. Meine Deutschlehrerin, die ich an der Mädchenschule so bewundert hatte, gab mir mit auf den Weg: "Wenn du allein unter Jungen bist, musst du auf dein Äußeres achten."

Ich habe dann vier Jahre lang mit dem größten Vergnügen gelernt, hatte in Latein und Griechisch fabelhafte Lehrer. Zwei ältere Herren, die von ihrem Fach begeistert waren; und diese Begeisterung teilte sich uns mit. Die beiden hatten jedoch auch ihre Schrullen. So redete uns der Griechischlehrer etwa immer in der dritten Person an: "Petri II, ist sie vorbereitet?" Und der Lateinlehrer kam manchmal betrunken ins Klassenzimmer, schlingerte zum Katheder und saß teilnahmslos da. Oder er sagte: "Herrschaften, es muss alles anders werden." Wir hatten solchen Respekt vor ihm, dass wir die ganze Stunde lang mucksmäuschenstill waren.