Die Mainstreet heißt eigentlich Strandvejen. Sie führt 14 Kilometer lang schnurstracks von der dänischen Landstraße Nummer 181 auf die Nordseeküste zu. An ihrem Ende liegt Henne Strand. Die letzten 200 Meter des Strandvejen erinnern städtebaulich an den Wilden Westen: ein überschaubares Stück Straße, von Leichtbauten gesäumt, in denen sich Lokale und Läden befinden. Sonst nichts. Aber hier tobt das Leben. Der Strandvejen hieße deshalb eigentlich besser Mainstreet.

Unter den Läden ist Købmand Hansens supermarked der größte. Morgens schiebt ein Verkäufer ein halbes Dutzend wettergeprüfte Warenträger vor die Ladenfront. Das Angebot muss sich seit 20 Jahren bewährt haben, denn es hat sich nicht verändert: Brennholz, Strandmatten, Fußbälle, Kerzen, Sonnenschirme, Meisenkästen. Daneben steht um diese Jahreszeit eine Batterie Erdbeeren: Tilbud, Sonderangebot. Dringt man weiter in den Laden ein, passiert man einen Zeitungsstand mit dem Hamburger Abendblatt und dem Neuen Deutschland, dann die Lottoecke und schließlich, vor den Tiefen der Lebensmittelabteilung, einen kleinen Non-Food-Bereich, der lauter Ladenhüter enthält: Plastiknippes. Kleine Leuchttürme. Buddhas. Nilpferde. Gemessen an internationalen Einzelhandelsstandards, verdient Købmand Hansens Warenpräsentation stellenweise das Etikett »eigenwillig«.

Animation, Disco? - Fehlanzeige

Aber Niels Kristian Hansen ist auch kein gewöhnlicher Kaufmann. Er ist der König von Henne Strand.

Seit 33 Jahren betreibt er in dem jütländischen Badeort einen Laden mit angegliederter Ferienhausvermietung. Wie vielen Millionen Deutschen und Dänen er in dieser Zeit zu einem vermutlich meist gelungenen Urlaub verholfen hat, weiß er selbst nicht. Vielen jedenfalls und sicher mehr Deutschen als Dänen. Bemerkenswert an seinem kleinen lokalen Betrieb ist, dass er den großen Ketten der Sommerhausvermieter in Dänemark immer noch trotzt. Außerdem sagt Hansen: »Henne Strand ist etwas Besonderes.« Und damit hat er Recht.

Vordergründig ist das Besondere die einmalige Landschaft: hohe, begehbare Dünen, mit einem dichten Pelz von Strandhafer und blühenden Heckenrosen bewachsen, der jeden Lärm zu schlucken scheint. In die Dünentäler geduckt, liegen gemütliche Holzhäuser, viele mit Grasdächern gedeckt, ideale Gehäuse für Ferien mit der Familie. Wahrscheinlich aber ist das wirklich Besondere an Henne Strand, dass es nur einen Typus von Urlauber anzieht und duldet, der sich seine Ferien noch selber zu gestalten versteht: ohne Animateure, Discos, Rummel, Unterhaltungsprogramm.

In Henne Strand lebt die Familie noch. Man weiß natürlich nicht, was hinter den geschlossenen Ferienhaustüren vor sich geht: ob die Leute friedlich Siedler von Cathan spielen oder sich gegenseitig anöden und vom Sachbearbeiter oder der Sekretärin im Büro träumen, mit dem oder der sie ein Verhältnis haben. Am Strand und auf der Mainstreet jedenfalls gehen Mutter und Vater einträchtig Hand in Hand, meist flankiert von zwei Kindern zwischen 4 und 14. Manchmal ist ein Hund dabei.