Das Bedürfnis des Menschen, seine religiöse und ethnische Identität zu leben, ist so alt wie die geschichtliche Welt. Alle großen kulturellen Leistungen gehen darauf zurück, und wer es zum Kainsmal der Zivilisation erklärt, meint in Wahrheit Zerrformen und Ausgeburten der vergleichsweise jungen Nationalstaatsidee. Gegen ihre chauvinistischen Auswüchse sind auch die kleinsten Völker nicht gefeit - und doch hat es sie immer gegeben, selbst in Unrechtsstaaten und manchmal ein halbes Jahrtausend hindurch: die kulturelle Selbstbehauptung ohne drohendes Muskelspiel - auch vonseiten der Majorität -, den geduldeten, mitunter geschätzten Eigensinn friedlicher Minderheiten, deren Lebensräume zumeist nicht umfänglicher sind als ein Stecknadelkopf auf der europäischen Landkarte. Fünf von ihnen hat Karl-Markus Gauß, der österreichische Europäer donauschwäbischer Abstammung, vor Ort aufgesucht und ihnen ein Buch gewidmet, das viele gute Gründe für einen dritten Weg in die Global Community versammelt, gleich weit entfernt vom nationalen Wahn mit seiner verhängnisvollen "Ethnisierung der Politik" wie von kultureller Nivellierung. Ein wunderbares Buch - und ein trauriges: denn die Welten, in die es führt, sind allesamt ohne Zukunft.

700 Juden leben heute noch in Sarajevo, dem einstigen "Klein Jerusalem", das durch exakt fünf Jahrhunderte eine der größten sephardischen Gemeinden Europas besaß, bis der jugoslawische Krieg den meisten von ihnen einen weiteren Verbleib sinnlos erscheinen ließ: "Die Juden gingen, weil es für sie keinen Sinn hatte, dort zu bleiben, wo der Nationalismus regierte. Sobald Bosnien als Staat der vielen Völker zerstört wurde, konnten sie, die kleinste Bevölkerungsgruppe, die auf das friedliche Zusammenleben der anderen angewiesen war, hier keine Zukunft mehr haben." Dies und nicht, wie man meinen möchte, ein neuer Antisemitismus habe von 1992 an zum Massenexodus geführt, zitiert Gauß einen pensionierten Obersten der jugoslawischen Luftwaffe, der sich keine andere Existenz vorstellen kann, als Sepharde in Sarajevo zu sein. Die Furcht, zwischen aggressiven Nationalismen untergepflügt zu werden, beherrscht auch die Aromunen, in Griechenland Vlachen genannt, eines der ältesten Völker Europas. Seine Angehörigen, eine halbe Million oder mehr, leben auf albanischem, griechischem, serbischem, rumänischem, bulgarischem Territorium und in Mazedonien, dessen Regierung sie als Einzige im Status einer Volksgruppe anerkennt. In Großjugoslawien haben sie ihre kulturelle und christliche Identität verleugnen müssen, aber sie waren nicht Staatsbürger zweiter Klasse: Nun laufen sie Gefahr, in "ihren" Ländern als Agenten der jeweils anderen diskriminiert zu werden. Günstiger waren die Schicksale der Arbereshe, deren Vorfahren, nach erfolglosem Kampf gegen die Osmanen, aus Albanien nach Kalabrien geflohen sind. 500 Jahre lang haben die "Albanesi" oder "Greci" ihre vaterländischen Heldenlieder gesungen, ihre Sprache und - mit dem Segen des Vatikans für die verheirateten Priester - den griechisch-orthodoxen Ritus gepflegt: papsttreue Abweichler und doppelte Patrioten, ihrer Heimat Italien ebenso entschieden verbunden wie einem mythischen Albanien, dessen gegenwärtige Bewohner ihnen als gottvergessen und materialistisch gelten und eher peinlich zu sein scheinen.

Inzwischen sind die rund 30 Albanerdörfer und -städtchen um Cosenza Wallfahrtsorte für Sprachwissenschaftler, was nie ein gutes Zeichen ist: Die Kultur der Arbereshe ist eine Kultur der letzten Zeugen. Die Jungen sind abgewandert, auch im Geiste. Was übrig bleibt, gehört den Habilitanden und den Museen, so wie die Traditionen der katholischen Sorben in der Oberlausitz längst im Griff der Event-Veranstalter sind.

Jahrhundertelang haben sich die Völker ohne Land behaupten können. Am frühesten hat die Erosion bei den Deutschen des Gottscheer Hochlands in Slowenien begonnen, von denen vielleicht noch 500 in den letzten Dörfern leben, die noch nicht "vom Wald wieder verschlungen worden" sind. Mehr als 26.000 waren es nie, und nur eine militante Minderheit drängte "heim ins Reich", in das sie 1941 zwangsweise ausgesiedelt wurden, weil Hitler ihren Lebensraum an die italienischen Bundesgenossen abzutreten gedachte.

Nun drohen auch die übrigen Volksgruppen von der Landkarte zu verschwinden oder bis zur Unkenntlichkeit zu verblassen. Für die letzte Zeitenwende, markiert durch den Zusammenbruch des Kommunismus und die Renaissance der Nationalismen in Osteuropa, die Omnipräsenz visueller Medien, die Amerikanisierung der Alltagskultur und einen ethischen Pluralismus, in dem religiöser Bekennermut nicht mehr mit persönlichen Risiken verbunden ist, scheint keine gewappnet gewesen zu sein.

Der Autor, in dessen Studien sich politische Analyse, historischer Exkurs, kulturphilosophische Reflexion, Reportage, Interview und Reisebild zu einer Eigengattung von hoher literarischer Qualität - und Lesbarkeit - verbinden, thematisiert diese Zusammenhänge, ohne die altbekannten Klagelieder der Zivilisationskritik anzustimmen. 

Die Kehrseiten des unaggressiven Eigensinns, der Hang zur Mythenbildung, die naive Selbstbezogenheit, der kindliche Blick auf den Rest der Welt, sie werden nicht verschwiegen und bisweilen wunderbar ironisiert. Ob das Zukunftspotenzial der sterbenden Völker, ihre Begabung nämlich zu freundschaftlicher Koexistenz, von ihrer verschwindenden Größe und rückwärts gewandten Selbstgenügsamkeit abzukoppeln wäre, bleibt eine offene Frage. Doch solche Ambivalenzen verbieten nicht die Trauer, und wer als Leser bereit ist, in die Schule von Karl-Markus Gauß zu gehen, eine Schule "nur" der Nachdenklichkeit, wird eingestehen müssen, dass die unverzichtbare westliche Aufklärung ihre eigene Armut hat, dass sie uns manche Paradiese des Herzens für immer verschließt.

Karl-Markus Gauß:Die sterbenden Europäer
Unterwegs zu den Sepharden von Sarajevo, Gottscheer Deutschen, Arbereshe, Sorben und Aromunen; mit Fotografien von Kurt Kaindl;
Zsolnay Verlag, München/Wien 2001; 235 S., 39,90 DM