Es liegt nahe, sich von Charlotte Salomons riesenhaftem Oeuvre, von der Flut der Bilder - über tausend Gouachen - verwirren zu lassen. Beginnen wir mit einer einzelnen Abbildung: Der erste Blick erfasst eine Abschiedsszene; den Zusammenstoß zweier Züge; ein Paar, das sich, respekteinflößend, im Zentrum des Bildes aufhält; und eine junge Frau, die winkend am Gleis steht, dann in den Vordergrund des Bildes läuft und schließlich eine Wohnungstür öffnet. Der zweite Blick erkennt die Erzählung, den Sog einer Folgerichtigkeit, die Identität der Personen. Die Atmosphäre ist die der frühen Stummfilme. Und so wie dort gehört zu diesem Bild ein erläuternder Text. Man erfährt, dass eine jung verheiratete Frau ihren Mann zum Zug begleitet, der ihn an die Front bringen wird. Es ist Krieg, der Erste Weltkrieg. Mann und Frau heißen Franziska und Albert Salomon, die Eltern von Charlotte Salomon.

Man sieht jetzt, dass es sich um einen eintreffenden und einen abfahrenden Zug handelt, um zwei voneinander unabhängige Ereignisse. Der abfahrende Zug schon wie ein Schemen gezeichnet, gleich ist er außer Sichtweite, und nur noch die Zurückbleibenden sind wichtig. Die blau gekleidete Dame macht Halt bei dem älteren Paar, es sind die Schwiegereltern. Ihr Gespräch wirkt wenig erheiternd. Die Frau wendet sich ab, legt - in Form einer Prozession - stationenweise ihren Weg zurück bis hin zur Wohnungstür. Überdeutlich erscheint ein Schlüssel in der erhobenen Hand; Hinweis auf ein Sesam-öffne-dich. Die Tür, kompakt, vertrauenerweckend und auffallend niedrig, als würde sie in die Geborgenheit einer Höhle führen, repräsentiert die Zweisamkeit, die gemeinsame Zukunft mit dem vorübergehend abwesenden Mann.

Ein übervolles, in sich gestautes Bild. Die Dinge berühren sich unverhältnismäßig nahe, Begegnung und Abschied, die Züge, die Leute, die Deutungen und die Bedeutungen. Im Unterschied zum Filmstreifen, der die szenischen Abläufe in Partikel zerlegt, erscheinen hier Anfang und Schluss der Szene auf einen Blick. Leben und Werk der Künstlerin Charlotte Salomon könnten durch die Metapher der Überladung am genauesten gekennzeichnet werden: ästhetischer Reichtum einerseits und andererseits das hochgespannte psychische Kraftfeld eines kurzen, gewaltsam beendeten Lebens. Auf manchen Bildern müssen sich die Personen aus dem Rahmen herauslehnen, Häuserdächer werden abgedeckt und Möbelstücke elastisch verbogen und verdreht, damit alles schnell und alles auf einmal gezeigt und betrachtet werden kann.

Wagemutige Arrangements

Das zwischen 1940 und 1942 entstandene Werk Leben? oder Theater? stellt ein genialisches Mixtum Compositum von Text, Zeichnung und Musik dar, Spielart eines Gesamtkunstwerks, unerschrocken, wie es sich nur unter dem Zeichen äußerster Gefährdung herausbilden konnte.

Charlotte Salomon wurde als Tochter jüdischer Eltern 1917 in Berlin geboren und im Jahr 1943 in Auschwitz ermordet. Ihr gesamtes Werk entstand in den Jahren 1940 bis 1942, als sie, auf der Flucht vor der Gestapo, bei den Großeltern in Südfrankreich für kurze Zeit in Sicherheit war. Ein Aufschub, nicht mehr; im Jahr 1943 wurde sie, über Nizza, deportiert. Unter diesen Bedingungen nimmt das atemberaubende Werk - Spiel, Singspiel, Große Oper, Melodram? - zwangsläufig die Form eines Vermächtnisses an. Die Scheu vor dem Schicksal der Künstlerin scheint bis heute die Kenntnisnahme ihres Werks geradezu verboten zu haben - trotz mehrerer Ausstellungen in Amsterdam und Berlin, trotz aufwändiger Buchausgaben in Deutschland, England und Holland, trotz eines Spielfilms über sie von Frans Weisz.

Die Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch schrieb 1991, Salomons Werk sei vom biografischen Stoff "überdeterminiert": das Leben (und der Tod) der Autorin "konkurriere" mit ihrer Kunst. Dieser unbewusste Akt einer Heiligsprechung liegt als Schatten über den Salomonschen Bilderfindungen. Noch immer haben sie den Charakter der Ausgrabung. Dabei ist kaum ein Werk jüdischer Autorschaft aus den dreißiger, vierziger Jahren weniger dafür geeignet, übersehen zu werden. Die ästhetische Brisanz der rund tausend Exponate fordert zu einer wachen Betrachtung geradezu heraus.