Rechtzeitig zum Auftakt der neuen Bundesliga-Saison hat der philosophische Cheftrainer des DFB, Friedrich von Schiller, Verfasser einer grundlegenden Abhandlung über Anmut und Würde im Sport, in seinen allmonatlich verschickten Rundbriefen die ästhetische Erziehung des fußballspielenden Menschen in Erinnerung gerufen: "Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt." Wo aber ist er Mensch? Und wo spielt er? Das ist die Frage.

Wie inzwischen selbst die Philosophen wissen, haben beide Fragen mit Geld zu tun. Deswegen hat der Vorgänger Schillers im fußballphilosophischen Amt, ein gewisser Immanuel Kant, beizeiten vermerkt: "Im Reich der Zwecke hat alles entweder einen Preis oder eine Würde." Doch "der Mensch ist für keinen Preis feil, er hat Würde". Der Sportkritiker Karl Marx hat freilich sofort hinzugefügt: "Die Bourgeoisie hat kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die 'gefühllose bare Zahlung'." Wie Recht Marx mit seinem fußballkritischen Manifest hatte, ist schon vor Beginn der neuen Saison auf das Gefühlloseste deutlich geworden. Wir schweigen davon, dass immer mehr Vereine mit ihrem spielerischen Umlaufvermögen an die Börse gehen. Dass immer mehr Absolventen der Betriebswirtschaft in den Vereinen das Sagen haben. Dass die Transfersummen die Grenze zum Absurden längst überschreiten: im Jahr 2000 116 Millionen Mark für den Wechsel von Luis Figo zu den Irrealos von Real Madrid, jetzt 147 Millionen für das exmaghrebinische Marseiller Vorstadtkind Zinedine Zidane.

Nein, wir meinen jene Form des Kinderhandels, die inzwischen von den Fußballkopfjägern weltweit betrieben wird, aber ausgerechnet im Schatten des Kölner Doms mit einem ganz eigenen Zynismus praktiziert worden ist. Dort ist ein Zwölfjähriger mit Namen Marco Quotschalla von seinem Vater für die vermutete, wenngleich natürlich dementierte Summe von 200 000 Mark auf acht Jahre an den 1. FC verkauft worden. Eigentlich müssten wir unseren Ethikrat an Marco Quotschalla richten. Aber er ist leider noch unmündig. Deswegen ist Hannes Linßen, Sportdirektor des 1. FC Köln, stellvertretend für alle managenden Betriebswirtschaftler seiner Zunft die richtige Adresse.

Er gibt sich nun betroffen - kein Wunder, angesichts der Tatsache, dass seine Kollegen von einem Deal mit Zwölfjährigen offiziell einstweilen noch nichts wissen sollen, Uli Hoeneß sich sogar zur Schall- und Vertragsgrenze von 16 Jahren bekennt (die er freilich selber mit der Verpflichtung des Kanadiers Owen Hargreaves beizeiten gewinnbringend unterschritten hat) und mancher Vereinsanwalt den sittenwidrigen Vertrag anprangert. Aber hier kann nur noch tätige Reue Abhilfe schaffen.

Linßen und alle seinesgleichen erhalten deswegen von uns die Auflage, den Vertrag mit Marco Quotschalla beziehungsweise dessen Kinderhändler von Vater umgehend zu Makulatur zu machen. Außerdem verurteilen wir sie, mindestens 1000 Exemplare des fußballphilosophischen Manifests von Karl Marx zu erwerben und kostenlos an sämtliche Vereinsführungen im bezahlten Fußball zu verteilen. Last, but not least fordern wir den DFB auf, die Ausführungen Friedrich von Schillers über den Mensch und das Spiel, mehr noch aber die kategorische Unterscheidung Immanuel Kants über Preis und Würde zum obligatorischen Gegenstand aller theoretischen Prüfungen zu machen. Im Fall Linßen - Quotschalla muss es eine Wiederholungsprüfung sein. Denn wie sagt noch Kant: "Es ist auch bei der Erziehung zu betonen, dass der Mensch in seinem Innern eine gewisse Würde habe" - und keinen Preis.