Nach geschlagener Schlacht begab sich der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi auf Dankestour durch Genua. Er schüttelte Polizisten die Hände, Hafenarbeitern, Stewardessen und den Matrosen des Luxusliners European Vision - dort waren die Staatsmänner während des G-8-Gipfels untergebracht. Er erzählte allen dieselbe Geschichte: "Es ist doch wunderbar, dass sich Amerikaner und Japaner gegenübersitzen, und das nach Pearl Harbor!"

Ob Berlusconi die historische Schlacht gemeint hatte oder die jüngst in die Kinos gekommene Hollywood-Produktion Pearl Harbor, lässt sich nicht eindeutig feststellen. In Genua jedenfalls sollten die Medien entscheiden, wer gesellschaftliche Anerkennung und damit Legitimität erhalten soll: die gewählten Politiker oder die nicht gewählten Demonstranten; Fotos, Film, Zeitungen bestimmten den Platz und das Gewicht der sich gegenüberstehenden Kontrahenten, sie wiesen ihnen das Recht zu oder sprachen es ihnen ab. Berlusconi war sich dessen bewusst. Und daher ist es wahrscheinlich, dass er beides im Kopf hatte - die Fiktion und die Wirklichkeit -, als er sich bei der Stadt bedankte, deren Bürger sich noch die Augen rieben über die Zerstörung, die über sie gekommen war.

Die Stadt war für das Ereignis umgebaut worden, als ginge es darum, die Kulisse für einen millionenteuren Actionfilm aufzubauen. Die Vorbereitungen für den Gipfel beherrschten wochenlang die Titelseiten der italienischen Zeitungen. Die berichteten bis ins kleinste Detail über die Erkenntnisse der Geheimdienste, über Angriffstaktiken der Randalierer, ihre "Waffen", ihre Zusammensetzung, über die Absperrung der Stadt, die Kontrollen, die Klagen der Genuesen. Und die Premiere fiel dann auch so aus, wie von der Marketingkampagne versprochen: blutig. Am ersten Tag des Gipfels lag der Demonstrant Carlo Giuliani mit einem Kopfschuss auf dem Pflaster.

Berlusconi hatte gewiss nicht damit gerechnet, dass die Realität sich dann doch auf diese Weise gegenüber der Inszenierung durchsetzen würde. Der Tod Giulianis war ein Betriebsunfall in einem gigantischen Schauspiel. Es ging dabei weniger um eine reale als um eine symbolische Auseinandersetzung. "Die Großen wie die Demonstranten", schreibt die italienische Kolumnistin Barbara Spinelli, "haben beide ihr Verhältnis zur Realität verloren. Sie gaukeln eine Macht und einen Vertretungsanspruch vor, den sie nicht haben. (...) Surreal ist die Kommandogewalt, die man den Großen zuschreibt, surreal ist die Opposition gegen diese fantasierte Macht."

Wer schlägt, macht Schlagzeilen

Zwischen den Organisatoren des Gipfels und den Demonstranten fand vor allem ein Kampf ums Bild statt. Die Globalisierungsgegner wussten, dass sie die Bilder beherrschen müssten. Nur so konnten sie ein demokratisches Defizit, das sie als Nichtgewählte belastet, ausgleichen - durch eine Legitimität, die ihnen qua öffentlicher Aufmerksamkeit verliehen wird. Wer schlägt, der macht Schlagzeilen - das wussten auch jene, die selbst keine Gewalt ausübten.

Alle Bewegungen, die außerhalb der Institutionen stehen und Einlass in den Kreis der Macht begehren, tun das mit der Hilfe von Bildern - das ist nichts Neues. Neu an Genua war, dass sie Berlusconi gegenüberstanden. Der besitzt nicht nur das Monopol bei den Privatsendern, sondern kontrolliert als Ministerpräsident de facto auch die staatlichen Fernsehprogramme. Er ist also der einzige Mann der Welt, der neben der demokratischen Legitimation des gewählten Ministerpräsidenten auch die Legitimität der veröffentlichten Meinung besitzt. Er ist, so gesehen, absoluter Herrscher und damit auch der Hauptverantwortliche für die Regie. Auch deshalb hatten sich dreißig bekannte italienische Regisseure zusammengetan und die Geschehnisse von Genua mit ihren eigenen Fernsehkameras aufgenommen - sie wollten dem großen Zampano etwas entgegensetzen, das einen größeren Anspruch auf Wahrheit haben könnte.