Der Lärm der Straße dringt ins Haus heißt ein futuristisches Gemälde von Umberto Boccioni, Urahn aller Klang-Visualisierungen der modernen Kunst. Längst ist der Traum der Futuristen von der allgegenwärtigen Verschmelzung optischer und akustischer Reize wahr geworden. Im Musikvideo hat sich unsere visuelle Kultur eine Institution geschaffen, in der die Klänge den Ton angeben und das Bild - entgegen seiner sonstigen Vormachtstellung in der Alltagskultur - sich dem Klang an die Fersen heftet. Die Musik, im Kino zur Untermalung des Visuellen verurteilt, konnte sich im Popvideo zur Rache an den Bildern aufschwingen, die sie nun seinerseits zur Illustration degradierte.

Aber Musikfernsehen ist keine Fernsehmusik. Keine Programmstunde Viva oder MTV, in der sich nicht das Kino selbst zu Wort meldete, um sich mit einem aktuellen Soundtrack-Hit in Erinnerung zu rufen. Im Pop-Mainstream einer Britney Spears ist das Verhältnis von Musik und Bild längst zu einer Frage von Huhn und Ei geworden - so eng ist die Visualisierung mit der Produktion verwoben. Doch wer heute vom Clip als Kunstform spricht, meint kaum jene 90 Prozent des Marktes, die sich primär als Erweiterung des Tonträgers in die visuelle Dimension verstehen. Wenn sich gegenwärtig die Kulturwissenschaften mit Clip-Analysen überschlagen und alteingesessene Filmfestivals Videos auf die Spielpläne setzen, so meinen sie damit den ehrbaren Rest: Clip-Bilder, denen es immer wieder gelingt, ihre musikalischen Inspirationsquellen an Prägnanz zu übertreffen.

Etwa im aktuellen Video der britischen Dance-Popband Faithless, das uns noch einmal an Boccionis Vision erinnern kann. Die Clip-Regisseure Dom & Nick führen darin an einen urbanen Ort, an dem uns der Lärm der Straße wohl am wenigsten erreicht - in einen fensterlosen Techno-Club. Und doch bricht alle Gewalt urplötzlich über ein Heer von Tanzenden herein. Während Frontmann Maxi Jazz seinen verhaltenen Vereinigungsaufruf We Come 1 anstimmt, erhält er überraschend Besuch: Eine Horde von Ravern, gejagt von knüppelnden Ordnungshütern, liefert sich im beengten Raum eine brutale Straßenschlacht. Ein umgestoßener Mannschaftswagen landet vor den Füßen des Rappers, während berittene Polizei auf das unschuldige Heer der Tänzer eindrischt.

Das ist zu drastisch für MTV. In England geht der Clip nur geschnitten über den Sender. Prompt vermutet die britische Musikzeitschrift NME ein politisches Motiv hinter der Kürzung: Allzu naheliegend seien die Assoziationen an jüngste antikapitalistische Demonstrationen. Der Wirbel um den Pseudo-Politclip ist typisch für die eigentümliche Positionierung des Mediums in der Grauzone zwischen Werbung und künstlerischer Ausdrucksform. Die obligatorischen Bannsprüche über einzelne Clips - gerade erst verschwand Madonnas What It Feels Like For A Girl um eine Mörderin, die einen tödlichen Autounfall provoziert, in den USA völlig vom Bildschirm - verweisen das Medium dabei immer wieder in den engen Moralkodex jener Branche, aus deren Schatten es so gerne träte: der Werbung.

35 Jahre ist es her, seit die Kinks in einem der frühesten Promo-Filme das soziale Elend der Dead End Street eines englischen Arbeiterviertels in expressionistisches Helldunkel rückten - und gleich auf dem BBC-Index landeten. Wenig später inszenierten sich die Beatles in avantgardistischer Fischaugenoptik zu den Klängen von Strawberry Fields Forever und bereiteten mit vielen anderen einer künstlerischen Expansion der Popmusik den Weg in Richtung Film. Wie konnten konservative Kulturkritiker nur am 1. August des Jahres 1981 fürchten, dass es dem lieb gewonnenen Rock-Erbe der Subversion durch ein 24-stündiges Kommerzprogramm an den Kragen gehen könnte? Zwei Jahrzehnte ist es nun her, dass MTV den ersten Clip austrahlte. Während Neil Armstrong in einer Bildmanipulation die MTV-Fahne auf dem Mond hisste, waren die Buggles mit ihrer - bei näherem Hinhören ausgesprochen melancholischen - Hymne an eine neue Ära zu hören: Video Killed the Radio Star. Und noch immer kippen die strengen Sittenwächter der US-Zentrale in regelmäßigen Abständen Clips aus dem Programm, nur um uns den Glauben an die Gefährlichkeit des Rock 'n' Roll zu lassen.

Kein anderes populärkulturelles Phänomen habe "eine derartig umfassende akademische Beachtung in so kurzer Zeit erfahren", schreibt Axel Schmidt in einem interdisziplinären Clip-Theorie-Sampler aus dem ehrbaren Suhrkamp Verlag (Klaus Neumann-Braun [Hg.]: Viva MTV!). Die Geschwindigkeit, mit welcher der Kulturbetrieb derzeit in die Arme schließt, was noch vor zehn Jahren in den Feuilletons kräftig gegeißelt wurde, ist allerdings erstaunlich. Auch im Jahrhundert der Moderne dauerte es mitunter Jahrzehnte, bis ganze Kunstgattungen Anerkennung fanden: Die Plakatkunst der Jahrhundertwende ist dafür ebenso ein Beispiel wie das klassische Hollywood-Kino oder die Fotografie, die noch vor nicht allzu langer Zeit kaum als museumswürdig angesehen wurde. Warum sollte es da ausgerechnet das Popvideo einfacher haben?

Das Video will kein Kulturgut sein