Einer musste es einmal aufschreiben: dass "Politainment auch als Stabilisator von politischem Systemvertrauen" wirken kann. Oder dass trotz aller denkbaren Einwände grundsätzlich die "Gefühlsqualität unterhaltener Politik und politischer Unterhaltung als Integrationsfaktor einer modernen Massendemokratie keineswegs von geringem Wert ist". Irgendwie, ahnt man, ist ja auch was dran.

Politainment: Gemeint ist damit eine Symbiose von Politik und Unterhaltungskultur nach amerikanischer Art. Und den Impuls von Andreas Dörner kann man auch gut verstehen, den kulturpessimistischen Klagen darüber etwas entgegenzuhalten. Von der Lindenstraße bis zur Schwarzwaldklinik - fast überall entdeckt er "alltagsnahe Problemreflexionen". Ein Extralob erhalten die Serien im Fernsehen, die mit ihren "positiven Figuren" eine geradezu modellhafte politische Identität vorführen. Der Reiz, der darin liegt, dem Lamento über die Guildo-Hornisierung der Politik einmal zu widersprechen, beschwingt den Autor manchmal allzu sehr - aber dennoch handelt es sich um mehr als eine bloß unterhaltsame These, wenn er schreibt, die Unterhaltungskultur trage nicht zur Verlotterung der Sitten bei. Im Gegenteil: Manchmal sei sie verflixt politisch korrekt. Gerade wo es um die Anerkennung von Minderheiten geht, stellten sich die Medien dem Mainstream und billigen Ressentiment entgegen, von ihrer Abgrenzung nach rechts außen gar nicht zu reden. Nicht alles, aber so ziemlich alles ist gut. Man könnte sagen: Es handelt sich um ein feel good-Buch über die feel good-Unterhaltungswelt, von der es aus solcher Sicht besser mehr als weniger geben sollte.

Und doch wird damit nur ein Ausschnitt der Realität beschrieben. Deutlich wird das, wenn Dörner Adornos und Horkheimers Kritik an der "Kulturindustrie" mit ein paar Sätzen vom Tisch wischt. Nichts als "Massenbetrug" hätten sie in der Populärkultur gewittert und sich auch noch angemaßt, "die falschen und die richtigen Bedürfnisse der Massen zu erkennen". Kein Gedanke gilt der Entstehungsgeschichte dieses klassischen Werkes, der Dialektik der Aufklärung. Die Frage taucht auch gar nicht auf, ob die Unterhaltungsindustrie nicht etwas ganz anderes war, als sie es in der Mediendemokratie von heute ist. Ähnlich ergeht es auch Pierre Bourdieu, dessen Kritik an der Vermachtung des Medienmarktes gleichfalls umstandslos in den Papierkorb wandert.

Man muss auch fragen, wie es um die politische Öffentlichkeit in den modernen Kommunikationsgesellschaften bestellt ist. Populärkultur, gut! Aber zeigt sich nicht auch eine mentale Enge, versickert das Politische nicht zugleich auch? Spaß macht es natürlich dennoch, ein Buch zu lesen, das gegen den Strich geschrieben ist, also widerspenstig erscheint, obwohl es den versöhnlichen Lindenstraßen-Geist atmet.

Dass die Amerikanisierung nicht als Schreckgespenst taugt, macht Thomas Meyer auf differenzierte Weise verständlich. Sein Buch Mediokratie, ein bisschen skeptischer im Ton, lenkt den Blick auf die andere Seite der modernen Medienverhältnisse, auf eine Entwicklung, die wegführt von der traditionellen Parteiendemokratie, hin zu einem neuen und schwer definierbaren Modus von Politik und Demokratie. Zugleich liest es sich wie der Abschluss einer langen Debatte. Ja, beim Entstehen politischer Öffentlichkeit, sofern man davon im klassischen Sinn sprechen kann, spielen die Parteien nicht mehr die Schlüsselrolle. Ja, man kann von der Gefahr sprechen, dass sich "die Spirale der politischen Sinnentleerung gefälliger Oberflächeninszenierung zwischen Politik und Medieninszenierung immer weiter dreht". Und, ja, es werden viele von den Medien "integriert", aber dennoch - Dörner, bitte weghören! - kann zugleich eine "Entpolitisierung des Politischen" stattfinden. Insofern muss man Mediokratie und Politainment zusammen denken. Selbst dann aber gilt noch, dass wir alle uns in einem Spiegelkabinett bewegen, aus dem der Ausweg noch nicht gefunden ist, leider auch nicht dadurch, dass kluge Autoren darüber reflektieren.

Andreas Dörner:Politainment Politik in der medialen Erlebnisgesellschaft; Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001; 256 S., 21,90 DM

Thomas Meyer:Mediokratie Die Kolonisierung der Politik durch die Medien; Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001; 232 S., 19,90 DM