Wieder einmal war es der Menschenrechtler Sergej Kovalew, der in den Kurs des Kreml eingriff. Im Sender Echo Moskau und im Fernsehen machte er am 31. Mai auf eine Verordnung aus der "Sonderabteilung" der Akademie der Wissenschaften aufmerksam, die an die Direktoren sämtlicher Forschungsinstitute der Akademie einschließlich der Bibliothek für Sozialwissenschaften ging. Diese wurden aufgefordert, eine "regelmäßige Kontrolle über die Reisen von Akademieforschern ins Ausland auszuüben", ihre Berichte über ihre dortigen Aufenthalte stärker zu kontrollieren sowie die "Kontrollen über internationale wissenschaftliche Konferenzen in Russland zu verschärfen".

Sinnigerweise wurde diese Anordnung gerade in jener Woche publik, als der Finanzier George Soros, der einen Großteil der heruntergekommenen russischen Forschung finanziert, Moskau einen längeren Besuch abstattete - natürlich ohne von Putin empfangen worden zu sein. Putins Vizepremierministerin Walentina Matijenko wusste selbstverständlich nichts von dem Dokument, das Kovalew im Fernsehen hochhielt. Wahrscheinlich wussten auch die Kreml-Internen nichts von einem Brief ihres Chefs an die Historiker, in dem er sie aufforderte, ein neues Lehrbuch für den Geschichtsunterricht mit einer den patriotischen Zielen "angemesseneren" Darstellung des Zweiten Weltkriegs und der Verdienste der russischen Generale zu erstellen.

"Russland - unsere heilige Macht", beschwört der erste Vers des neuen Textes der alten Stalin-Hymne. Statt der "Partei Lenins" wird die "von den Vorfahren vermachte Weisheit des Volkes" besungen. In Meinungsumfragen über die wichtigsten Ereignisse des vergangenen Jahres nannten die Befragten die Anerkennung der Staatssymbole durch die Duma - darunter die Rückkehr zur sowjetischen Hymne - an erster Stelle. 62 Prozent aller Russen halten die Wiederbelebung der nationalen Traditionen und des Glaubens an Gott für die wichtigsten Elemente einer Staatsideologie.

Putin hatte bereits vergangenen September in seiner "Doktrin über Informationssicherheit" gefordert, die Würde des Militärs, den Patriotismus und die traditionellen Werte der russischen Kultur zu verteidigen. Doch um die Werte der "von Gott beschützten Heimaterde" durchzusetzen, ist es mit dem Pathos der Hymne allein nicht getan. Damit der neue Russe weiß, in welche Richtung er sich zu bewegen hat, muss mit stärkeren Mitteln nachgeholfen werden. Und warum dafür nicht gleich die Sicherheit der Russischen Föderation mobilisieren?

Alles für den Waffendienst

Über der berechtigten Aufmerksamkeit, die sich in den letzten Monaten auf die Gleichschaltung der Medien in Russland richtet, ist ein Phänomen nahezu unbeachtet geblieben, das Putin einmal mehr als den auf die "Weisheit des Volkes" hörenden Staatsideologen ausweist. Gleichsam zur Krönung des ersten Jahres seiner Präsidentschaft - ein Jahr nachdem er die Diktatur des Gesetzes zu seiner Regierungsdevise gemacht hatte und am Vorabend des "Tages der Vaterlandsverteidiger" - ließ er durch Ministerpräsident Kasjanow ein "staatliches Programm" für die "patriotische Erziehung der Bürger der Russischen Föderation" verkünden. Es ist zunächst für den Zeitraum zwischen 2001 und 2005 geplant und gilt ab sofort.

Das vom 16. Februar datierte, in der Regierungszeitung Rossijskaja gaseta veröffentlichte und von der Tageszeitung Iswestija vom 23. Februar 2001 nachgedruckte Dekret besteht aus sieben ausführlichen Teilen. Im ersten Teil, einer Art Präambel, wird ausgeführt, dass das patriotische Programm der "Erhaltung der gesellschaftlichen Stabilität, der Wiederaufrichtung der nationalen Ökonomie und der Stärkung der Verteidigungsfähigkeit des Landes" dient. Angesprochen sind alle sozialen Schichten und Altersgruppen, die es zur "Bereitschaft zum Dienst am Vaterland" zu erziehen gilt. Dafür sollen "Erfahrung und Errungenschaften der Vergangenheit", "Realitäten und Probleme der Gegenwart" sowie zukünftige "Entwicklungstendenzen der Gesellschaft" berücksichtigt werden.