Chinesische Feldherren führten ihre Kriege gern unappetitlich. Im Wu Ching Tsung Yao, der im Jahre 1040 zusammengestellten Sammlung der wichtigsten Militärtechniken, ist das anrüchigste Kampfmittel en détail vermerkt: Fên phao kuan fa, die Fäkalien-Schleuderbombe. Man nehme: reichlich getrocknete und fein gemahlene menschliche Fäkalien, etwas Öl des Tiglibaumes (auch als stärkstes pflanzliches Abführmittel bekannt), eine Prise Arsensulfid und ein paar weitere giftige Ingredienzien. Nach dem Angriff versanken Städte hinter ihren Schutzmauern in ein olfaktorisches Inferno. Nach Luft schnappend, würgend, blieb den Bewohnern nur noch die Flucht nach draußen - an die frische Luft.

Chinesische Strategen waren ihrer Zeit offenbar nicht nur beim Schießpulver um eine Nasenlänge voraus. Jetzt hat das Pentagon Geschmack an der pikanten Technik gefunden. Die US Army lässt üble Gerüche als Nicht-Letale-Waffe (NLW) für den Feldeinsatz prüfen. Höllendünste sollen Armeen in die Flucht schlagen, Schwaden von verwesendem Fleisch Soldaten in Panik versetzen. In heiklen Friedensmissionen würden duftmarkierte Zonen plötzlich wie von selbst weiträumig gemieden. "Das könnte unsere Offensivkapazität gegen große, unbeherrschbare Gruppen erweitern und Verletzungsrisiken für unsere Leute und die Angreifer minimieren", zitiert der New Scientist den Pentagon-Sprecher Colonel George Rhynedance. "Die Nato braucht solche Wirkmittel als zusätzliche Option zur Deeskalation und Befriedung von spannungsgeladenen Situationen", findet auch Klaus Dieter Thiel, Projektmanager für Nicht-Letale-Wirkmittel am Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie (ICT) in Pfinztal.

Das sei umso wichtiger, als viele Konflikte inzwischen "asymmetrisch" verliefen. Hoch gerüstete Armeen rücken gegen Partisanen aus. Zwischen den Fronten die Zivilbevölkerung als menschlicher Schild. Sitzblockaden aber machen die scharfen Waffen von Armeen und Polizeikräften wirkungslos. "Man kann ja sehen, was beim G-8-Treffen in Genua passiert ist", sagt Thiel und spielt damit auf die scharfen Schüsse von in die Enge getriebenen Polizisten an. Tote Zivilisten geben keine gute Presse.

Zukünftige G-8-Treffen eingehüllt in Faulgase? Palästinenser und Israelis durch einen Pesthauch voneinander separiert, Mazedonien befriedet durch schwefliges Waldaroma? Gelegenheiten gäbe es genug. Vorsorglich ließ sich vor einem Monat ein ehemaliger US-Navy-Forscher aus Woodlands, Texas, unter der Nummer US 6242489 den Mief von Fäkalien und anderen "Gestankgemischen" patentieren. Einsatzgebiet: "Situationen, in denen Nicht-Letale-Waffen angewandt werden".

Was stinkt dem Menschen richtig?

Aber was ist für den Feldeinsatz wirklich geeignet? Buttersäure, Mercaptane, Schwefelwasserstoffe? Manche Stoffe sind giftig, und viele riechen einfach nur widerwärtig - was auszuhalten wäre. Eine ungiftige, zuverlässige Stinkwaffe ist eine militärwissenschaftliche Herausforderung.

Die zentrale Frage ist, wann und warum Menschen überhaupt Gerüche als übel einstufen. Denn was als Gestank wahrgenommen wird, scheint nicht so sehr genetisch programmiert als vielmehr durch Kultur und individuelle Prägung bedingt. So diente auch in China die Stinkwaffe vornehmlich der Stadteroberung. Auf dem Land, wo ohnehin seit Menschengedenken mit menschlichen Fäkalien gedüngt wurde, wäre der Angriff wohl unbemerkt verpufft.