Der Streit um den Rang und die Erklärungskraft der Kulturgeschichte oder, allgemeiner gesagt, der Historischen Kulturwissenschaft beschäftigt die internationale Geschichtswissenschaft seit fast drei Jahrzehnten. Wer sich für eine aus deutscher Perspektive geschriebene Einführung in die gegenwärtige Diskussion interessiert, kann jetzt zu dem handlichen Kompendium Kulturgeschichte der Braunschweiger Historikerin Ute Daniel greifen. Dort wird ihm, in Gestalt von sechs nicht immer leicht erklimmbaren Wissensblöcken, ein Treppenaufgang angeboten, der ihn in einige wichtige Dimensionen der Kontroverse hineinführt.

Unter dem Stichwort "Kulturwissenschaftliches Wissen" werden zum einen einige intellektuelle Erzväter porträtiert, die - wie Friedrich Nietzsche, Georg Simmel, Max Weber, Ernst Cassirer, John Dewey (Wirklich? Warum nicht eher Ernst Troeltsch und Aby Warburg?) - in der seit der vorletzten Jahrhundertwende geführten Grundsatzdebatte über eine "Kulturwissenschaft" als zumindest ebenbürtige Partnerin der Naturwissenschaft eine prominente Rolle gespielt haben. Zum andern werden von den Inspiratoren der letzten drei Jahrzehnte nur Hans-Georg Gadamer, Michel Foucault und Pierre Bourdieu (Warum nicht Clifford Geertz, Jacques Derrida, Jean-François Lyotard, Ferdinand de Saussure?) im selben Stil gewürdigt, während Sachkomplexe wie "Postmoderne" und "Poststrukturalismus" als kulturwissenschaftliche Wissensspeicher beschrieben werden. Ein historiografischer Rückblick macht danach mit älteren Vorläufern der Kulturhistorie wie Jacob Burckhardt, Karl Lamprecht und Kurt Breysig bekannt, ehe als maßgebliche Anreger der derzeitigen Debatte illustre Figuren wie Norbert Elias, Natalie Davis und Carlo Ginzburg, aber auch Strömungen wie die Mentalitätsgeschichte und Nachbarwissenschaften wie die Ethnologie skizziert werden.

Aus den Themenfeldern, wo die neue Kulturgeschichte als Impulsgeber bereits zu einem bemerkenswerten Bodengewinn geführt hat, greift die Verfasserin wenige Bereiche heraus: Das sind die (längst von der Kulturgeschichte aufgesogene) Alltagsgeschichte, die (vielfältig schillernde) Historische Anthropologie, die (die Frauengeschichte mitumfassende) Geschlechtergeschichte, die (bisher eigentlich noch nirgendwo existierende) Generationengeschichte, die (unabhängig von der neuen Kulturgeschichte vor i hrem Aufschwung von Reinhart Koselleck initiierte) Begriffsgeschichte, die (chamäleonartige) Diskursgeschichte und die (grosso modo erfolgreiche) Wissenschaftsgeschichte.

Warum aber nicht Spitzenreiter wie die neue Nationalismusforschung und die Körpergeschichte, die Festgeschichte und die Kulturgeschichte der Politik?

Vornehmlich mit dem Blick auf bisher untersuchte historische Phänomene der Frühen Neuzeit wird über einige Entwicklungstrends und, ein Lob des Zettelkastens, zahlreiche Buchprojekte berichtet, die unter den wärmenden Strahlen des kulturhistorischen Solariums gediehen sind. Schließlich werden noch Schlüsselwörter der laufenden Diskussion, etwa Tatsache, Wahrheit, Verstehen, Historismus, Kontingenz, im aufgelockerten Stenogrammstil charakterisiert.

Ein derart weit gespanntes, fraglos ambitiöses Unternehmen gab es bisher, soweit ich zu sehen vermag, weder für deutsch- noch für englischsprachige Leser. Es demonstriert Sachkunde, Engagement, Überzeugungsstärke, die während einer langjährigen Beschäftigung mit diesen Fragen gewachsen sind. Darüber hinaus ist es nicht nur informativ, sondern auch in einem locker-zügigen Stil mit jener Verve geschrieben, die durch die Lust an teils erquicklich charmanter, teils aber auch aufgeregt schriller Polemik belebt wird.

Dr. Oetkers Götterspeise Nichts gegen pointierte Urteile, die konventionelle Denkgewohnheiten aufbrechen sollen, aber bringt es tatsächlich Gewinn, Max Webers "Denkbewegung" als "intellektuellen Coitus interruptus" derart, sagen wir, zu verfremden? Suggeriert das Bild für diesen Verfechter des Partialwissens nicht die Möglichkeit des vollen Genusses: mithin der historischen "Wahrheit"? Und nähert sich der kulturhistorisch noch unerleuchtete Historiker im gemeinhin unerotischen Völkchen des Mehrheitslagers der Muse Clio wirklich "wie ein Mann, der nur auf das Eine aus ist, sie als das Andere zu penetrieren"?