die zeit: Frau Duden, Sie haben sich als Körperhistorikerin mit der Schwangerschaft beschäftigt. Was ist für Sie ein Embryo, was bedeutet Fötus?

Barbara Duden: Nach 20 Jahren Arbeit auf diesem Gebiet klingt Ihre Frage für mich komisch. So etwas wie der "öffentlichen Fötus", also jenes Gebilde, das jetzt durch die Medien spukt, ist bis vor zwei Jahrzehnten dem körperlichen Erlebnis der Frauen in anderen Umständen gänzlich fremd gewesen. Von alters her kannten Ärzte den Kontrast zwischen dem, was Frauen erlebten und was Gelehrte dachten. Frauen erwarten ein Kind, das im Kommen ist, sie hoffen darauf, das Kind in die Welt zu bringen, es zu gebären. Der Embryo, also der Keimling, war kein Begriff im Horizont der Frauen. Wie die Frau zu einem Embryo kam, steht im Kern der Geschichte des Ungeborenen.

zeit: Wann wurde denn das Objekt Embryo erstmals sichtbar?

Duden: Jener Embryo, der heute den Bundestag beschäftigt, taucht ganz plötzlich auf, 1799 auf einem Kupferstich mit Kommentar von Samuel Thomas Soemmerring aus Frankfurt, einem Gelehrten der Goethe-Zeit. Ich habe alle anatomischen Bücher untersucht, in denen seit 1500 der sezierte Unterleib schwangerer Frauen abgebildet wurde. Im Holzschnitt, im Kupferstich und in der Radierung wird wohl das Wort embryo verwendet. Aber wenn es gezeichnet wird, dann ist es ein Kind, das in der Mutter auf die Geburt wartet. Auch wenn im 18. Jahrhundert die Leibesfrucht in etwa abgebildet wird, wird sie bis zu Soemmerring nicht als Fötus gesehen: Ich fand keinen früheren Hinweis auf die Entwicklungsstadien von Embryo und Fötus. Erst die Keimlingparade in den Tafeln von Soemmering bringt einen Umbruch. Dem Betrachter erscheint ein Fötus, der nacheinander verschiedene Stadien durchläuft. Plötzlich verkörperte sich die Entwicklungslehre in der Frau. Die Naturkunde hatte den Fötus nicht sehen können, bevor sie ihn grafisch konstruiert hatte.

zeit: Warum sprechen Sie von der Konstruktion des Fötus, die Forscher fanden die Embryonen in den Entwicklungsstadien doch vor?

Duden: Was Soemmerring vorfand, war eine Sammlung von Abgängen in Weingeist in der Kasseler Residenz. Über ein Netz von Kollegen von Petersburg bis Bologna wurde die Kollektion angereichert, bis einige Dutzend zum Vergleichen nebeneinander standen. Was nur eine Generation früher als falsche Früchte oder Molen gesehen worden war, erschien dem Forscher nun als Stadien der Menschwerdung. Der Forscher wählte bewusst nach dem Prinzip ihrer Schönheit jene Exemplare, aus denen er die Schritte der Entwicklung konstruierte. Erst wenn man darauf aufmerksam wird, dass in diesen Icones embryonum kein Hinweis darauf gegeben wird, dass diese Gestalten irgendeinen Zusammenhang mit dem Frauenkörper haben, wird greifbar, wie abstrakt dieses Konstrukt ist.

zeit: Was die Forscher im Leib der Frau zu entdeckten glaubten, war aber doch nicht abstrakt, sondern real?