Aber natürlich ist das alles noch viel zu theoretisch. Vorerst machen nur die altbekannten Namen Schlagzeilen: "Schily fordert europäische Polizeitruppe" titelt der "Tagesspiegel" und gibt dem Bundesinnenminister in einem seitenlangen Interview auf Seite vier die Chance einer Nachlese des Genua-Gipfels. Vorauseilenden Schutz erhalten künftige Demonstranten derweil schon mal von links, die "tageszeitung macht heute mit "Grüne herzen Gipfelgegner" auf. Die meisten Titelseiten der heutigen Zeitungen bringen auch den Anschlag eines palästinensischen Pistoleros auf israelische Soldaten und – eher in den Randspalten oder unter der Falz – die Sozialhilfepläne von Hessens Ministerpräsident Roland Koch. Ein weiteres außenpolitisches Thema auf der Eins ist die geplatzte Amtseinführung des wieder gewählten Iranischen Präsidenten Chatami. Die "Welt" meldet - heute wieder schwarz auf weiß - "Höchster Krankenstand seit fünf Jahren". Und im "Handelsblatt" heißt es: "Eichel will Steuer-Schlupflöcher im Internet schließen".

Europäische Polizeitruppe

Ginge es allein nach Otto Schily, gäbe es keine Untersuchungskommission für die Polizeiübergriffe am Rande des G-8-Gipfels von Genua. "Wir dürfen uns weder zum Oberaufseher des Italienischen Staates noch zum Oberlehrer in Sachen Demokratie machen", sagt Schily in einem Exklusiv-Interview des "Tagesspiegel". Man müsse stattdessen den Schutz großer Konferenzen künftig europäisch organisieren. Her solle deshalb eine europäische Polizeitruppe, eine "Art riot police", so Schily. Dass sich die Globalisierung, die Gegenstand der Genua-Proteste war, zu einem bedeutenden gesellschaftspolitischen Thema ausweitet, erkennen zunehmend auch die Grünen: "Wir haben unterschätzt, dass Globalisierung nicht nur ein Nischenthema ist", sagt deren Chefin Claudia Roth in der "tageszeitung". Eine Art intellektuelle Schützenhilfe kommt von Oskar Lafontaine, für den die Proteste gegen die Globalisierung lediglich die Fortsetzung der APO ist: "Wenn Parlamente und Regierungen versagen, kommt eine APO, eine außerparlamentarische Opposition", schreibt der Alt-Linke in einem Kommentar für die "Bild". So einfach ist das, wenn man sein Herz links trägt.

Kochs Sozialhilfereform

Ganz sicher nicht im Ruf, Mitglied der APO gewesen zu sein, steht der hessische Ministerpräsident Roland Koch. Sein Vorschlag, den Schmarotzer unter den Sozialhilfeempfängern künftig nur noch ein bescheidenes Leben zu finanzieren, findet unter den Kommentatoren der Tageszeitungen größere Beachtung. "Bislang mangelt es dem Vorstoß von Koch [ ... ] an Substanz", kritisiert der Tagespiegel. Koch, der sich bei seinem Vorschlag an einem Vorbild aus Wisconsin, USA orientiert, will einerseits arbeitswilligen Sozialhilfeempfängern nicht nur maximale Unterstützung bei der Wiedereingliederung ins Berufsleben geben – er will sie auch nötigen, diese anzunehmen. "Koch will vorderhand nichts anderes als Bundeskanzler Schröder, der für die Sommerpause öffentlichkeitswirksam gefordert hatte, dass der Sozialstaat Faulheit nicht prämieren dürfe", bemerkt die "Frankfurter Allgemeine" in einem Kommentar auf der Titelseite. Und auch Ansgar Graw in der "Welt" findet: "Das erinnert stark an die vom Kanzler initiierte "Faulenzer-Debatte". Und diesmal hat es die Union in der Hand, die Richtung zu bestimmen – in einer Zeit, in der die Regierungskoalition in Umfragen an Zustimmung verliert".

Anschlag in Nahost

An Zustimmung der Weltöffentlichkeit dürfte es derzeit auch den israelischen Machthabern mangeln. Zwar war im Reigen der Anschläge und Attentate gestern wieder einmal die palästinensische Seite an der Reihe. Doch am Tag zuvor hatten Israelis einen gezielten Raketenangriff auf einen Auto-Konvoi von Intifada-Aktivisten gestartet. Die Kugeln, die ein Attentäter am gestrigen Sonntag aus einem Auto heraus auf das israelische Verteidigungsministerium abfeuerte und dabei zehn Menschen verletzte, waren somit als Rache zu verstehen. Aber die wechselnden Angriffe verfolgen möglicherweise noch einen anderen Zweck: "Israelis wie Palästinenser haben sich und ihrem jeweiligen Feind bestätigt, dass sie sich gegenseitig empfindlich treffen können - jederzeit und überall", heißt es in einem Kommentar der "Frankfurter Rundschau". Und genau das ist das bekannte, Jahrzehnte alte Problem: "Solange beide Seiten eine Politik der Unnachgiebigkeit verfolgen, werden sie die schalen Triumphe ihrer gezielten Mordtaten mit schmerzenden Verletzungen bezahlen.