Die Themen, die heute die Schlagzeilen beherrschen, sind schon ein wenig abgegriffen. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" titelt mit Schilys Gesetzentwurf über die Zuwanderung ("SPD und Grüne sehen keine Hindernisse für eine Einigung über Zuwanderung"), die "tageszeitung" macht mit Kochs Vorschlag zur Reform der Sozialhilfe auf ("Es war einmal in Amerika"). Die "Frankfurter Rundschau" sorgt sich um den Balkan ("Neue Hürden in Mazedonien"), der "Tagesspiegel" blickt auf den Nahen Osten ("Palästinenser: Kein Ort in Israel ist sicher"), die "Süddeutsche Zeitung" beobachtet den Friedensprozess in Nordirland ("IRA zur Abgabe ihrer Waffen bereit"). Das "Handelsblatt" macht mit der Entwicklung der Lohnnebenkosten auf ("Beitragssenkung scheitert / Schröder kann Rentensatz trotz Ökosteuer nicht senken"). Das Wirtschaftsthema, das heute viele Kommentatoren beschäftigt, findet sich im "Handelsblatt" erst ganz unten auf der Seite: "Bierkonzern Interbrew schluckt Beck's".

Luftnummer 1: Schilys "task-force"

Eine "Europäische Anti-Krawall-Polizei" soll gewalttätige Globalisierungskritiker in Schach halten. Das fordert Bundesinnenminister Otto Schily. Diese Truppe soll überall einschreiten, wo es kracht. Bei den Weltwirtschaftsgipfeln zum Beispiel oder bei den G7-Treffen. In seinem beeindruckenden Kommentar für die "tageszeitung" enttarnt Otto Diederichs diesen Vorschlag als "dumme Idee für das Sommerloch". Es gebe derzeit weder eine Ausbildungsstätte noch eine gesetzliche Grundlage für eine solche Truppe. Außerdem sei kaum vorstellbar, dass die Staatschefs "ganze Hundertschaften ausländischer Polizisten auf dem eigenen Territorium agieren" lassen. "Wer übernimmt die politische Verantwortung, wenn es wie in Genua zu polizeilichen Exzessen und einem Toten kommt?", fragt Diederichs. "Einen gesamteuropäischen Innenminister gibt es nicht. Wer dann?" Wenn er es ernst meint, wird Schily eine Antwort auf diese Fragen geben müssen.

Luftnummer 2: Kochs Sozialreform

Hessens Ministerpräsident Roland Koch würde die Sozialhilfeempfänger gerne stärker unter Druck setzen. Wenn sie nicht arbeiten wollen, sollen sie nur ein "sehr bescheidenes Leben" fristen dürfen. Das Modell für eine entsprechende Sozialreform schaute er sich im US-Bundesstaat Wisconsin ab. Aber lassen sich die amerikanischen Maßnahmen auf Deutschland übertragen? Und macht ein solcher politischer Kraftakt Sinn? "Tatsächlich kann schon heute jenen Antragstellern die materielle Hilfe verweigert werden, die zumutbare Arbeit ablehnen", schreibt Lorenz Maroldt in seinem lesenswerten Titelkommentar für den "Tagesspiegel". "Und in Dutzenden Modellprojekten im ganzen Land wird bereits erprobt, wie Sozialhilfeempfängern anders als mit Geld oder Kühlschränken geholfen werden kann. Zudem verliert das Modell ‚Wisconsin works', das Koch als Vorbild dient, bei näherer Betrachtung doch erheblich an Glanz - nicht, weil es zu sozialbrutal wäre, sondern weil die Verwaltung einen hohen personellen und finanziellen Aufwand betreibt, um die Leistungsempfänger besser betreuen und kontrollieren zu können." Insofern hat Koch längst die gesetzlichen Instrumentarien in der Hand, um seine Vorstellungen zu verwirklichen. Die "Frankfurter Rundschau" bilanziert: "Dass der CDU-Mann mit einer solchen Luftnummer dennoch tagelang in die Schlagzeilen kommt, ist wohl nur mit dem Defizit zu erklären, das einige konservative Medien derzeit bei ‚ihrer Bundes-CDU' in Sachen starke Sprüche verspüren".

Luftnummer 3: Die Nachricht vom Krankenstand

Die "Welt" machte gestern mit der Nachricht auf, dass die deutschen Arbeitnehmer wieder häufiger krank seien und die Wirtschaft dadurch Schaden nehmen würde. Diese Nachricht war offenkundig grundfalsch. Trocken und souverän vermeldet die "Frankfurter Allgemeine" heute in einem Einspalter auf der Titelseite: "Der Krankenstand der Arbeitnehmer hat im vergangenen Monat den niedrigsten Wert seit Einführung der Lohnfortzahlung im Jahr 1970 erreicht. Das teilte das Bundesgesundheitsministerium in Berlin mit." Die "Süddeutsche Zeitung" flankiert die gleiche Meldung mit einem Kommentar, dem zu entnehmen ist, dass der Krankenstand langfristigen Trends folge. Bei guter Konjunktur melden sich mehr Arbeitnehmer krank (offenkundig, weil zugleich durch die Belastung durch Überstunden etc. ansteigt), bei schlechter Konjunktur sinkt dagegen der Krankenstand (offenkundig, weil die Angst um den Arbeitsplatz die Sorge um die eigene Gesundheit übersteigt). "All diese Erklärungen sind wenig spektakulär und taugen kaum für Schlagzeilen", resümiert Kommentator Andreas Hoffmann. Aber warum sollte es Journalisten besser gehen als Politikern? Alle müssen das Sommerloch irgendwie füllen. Und so werden uns wohl noch einige Luftnummern erwarten - bis dann endlich wieder alle "Nie-Da-Rümelins" aus dem Urlaub zurück sind.