"Taliban: Wer in der Bibel liest, dem droht der Tod", schreibt die "tageszeitung" heute auf Seite Eins. Die anderen Zeitungen konzentrieren sich auf innenpolitische Themen: "Besorgnis, Appelle, Vorwürfe angesichts wachsender Arbeitslosigkeit", titelt die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "Arbeitsmarkt bringt Regierung in Zugzwang", orakelt die "Süddeutsche Zeitung", und "Kein Aufschwung am Arbeitsmarkt", stellt der Tagesspiegel fest. Nur die "Frankfurter Rundschau" spricht von ersten Taten. "Eichel überdenkt rigiden Sparkurs." Die Springer-Blätter "Welt" und "Bild" haben Themen der Marke "Sommerloch" auf dem Titel. Während die "Bild" noch ängstlich fragt "Verkaufen Russen Hitlers Schädel an Ufo-Sekte?", holt die "Welt" die große Keule raus: "Kardinal Ratzinger vergleicht Klon-Arzt mit Hitler."

Angst in Afghanistan

Dass die in Afghanistan herrschenden Taliban nicht eben zimperlich mit Dingen umgehen, die nicht in ihr extremes religiöses Konzept passen, konnte die Weltöffentlichkeit schon bei der Sprengung der beiden Buddha-Statuen feststellen. Und genauso hart geht die Miliz mit Menschen um, besonders dann, wenn diese ihrer Meinung nach gegen geltendes Gesetz verstoßen haben. Vier Deutsche sitzen nun in einem Gefängnis. Der Vorwurf: Sie hätten den Afghanen aus der Bibel vorgelesen. Die "tageszeitung" greift die Verantwortlichen in Kabul aber auch im Westen scharf an. "Es sind Akte der bewussten Provokation, eine Rache für die internationale Zurückweisung und die jüngsten UN-Sanktionen, die nicht honorierten, dass die Taliban als eine Geste des guten Willens inzwischen den Opiumanbau verboten haben. Gezielt führen die Taliban die Ohmacht der so genannten Weltgemeinschaft vor."

Denn während die Weltöffentlichkeit empört aufschreit, wenn Serben Albaner und diese wiederum die Serben verstümmeln, fällt weder der Europäischen Gemeinschaft noch den USA irgendetwas zu den Verfolgungen in Afghanistan ein, obwohl Organisationen wie Amnesty International immer wieder auf die Zustände hinweisen. Nicht ohne Grund schreibt daher die "tageszeitung" weiter: "Den maßgebenden Regierungen fehlt heute eine Afghanistan-Politik, die einen solchen Namen verdienen würde. Stattdessen wird dürftig improvisiert: Sanktionen (bisher ohne Kontrollen) ersetzen fehlende Konzepte; machtlose UN-Agenturen und NGO-Aktivisten wie die jetzt Verhafteten werden damit betraut, den Kampf gegen die ehemaligen Vasallen aufzunehmen. Die ausländischen Helfer sollen nun ihre Köpfe hinhalten."

Ähnlich sieht das der Kollege von der "Süddeutschen Zeitung", Tomas Avenarius, der jedoch meint, man solle nun ja nicht in lautstarke Panik verfallen. "Der schlechteste Dienst, den man den 24 verhafteten Helfern erweisen kann, ist von Vorwürfen strotzende öffentliche Erregung der Staatengemeinschaft. Die Taliban sehen sich im Recht. Sie werden sich von außen nicht hineinreden lassen, zumal es um zentrale religiöse Fragen geht. Wer jetzt in seiner Kritik den Ton verfehlt, läuft Gefahr, dass Exempel statuiert werden." Unklar ist noch, ob die Vorwürfe der Taliban-Justiz gegen die Gruppe überhaupt gerechtfertig sind. Klar ist nur, dass "Shelter Now" eine christliche Organisation ist. Die "Süddeutsche Zeitung" packt bei dem Gedanken, dass dort junge Missionare gearbeitet haben, das kalte Grausen. "Sollte "Shelter Now" in Kabul mehr Mission als Hilfe im Sinn gehabt haben, wäre dies angesichts der bekannten Probleme der Afghanistan-Hilfe schon mehr als fahrlässig. Mit der fragwürdigen Bibelarbeit würde die gesamte humanitäre Arbeit im Taliban-Staat gefährdet - eine Arbeit, an der das Leben Zehntausender Afghanen hängt."

Politik im Iran

Interessant in diesem Zusammenhang ist eine Meldung aus dem Iran, die die "Welt" heute kommentiert. Dort hatte sich zwar bei den letzten Wahlen der gemäßigte Präsident Mohammed Chatami durchgesetzt, doch eine intrigante Politik seines geistlichen Gegenspielers Ali Chamenei sorgte dafür, dass der Wächterrat, das wirkliche Machtzentrum im Iran, weiter konservativ besetzt blieb. Allerdings war die Wahl nicht ganz sauber, glaubt man der "Welt" : "Zum Zeitpunkt der Abstimmung hatten zwei Drittel der anwesenden Mandatsträger das Parlament bereits aus Protest verlassen. Das pseudodemokratische Geplänkel der geistlichen Machtelite ist unerträglich, zeigt aber zugleich, wie weit sich die Gralshüter der islamischen Revolution bereits mit ihrem autistischen Kurs gegen das eigene Volk ins Abseits manövriert haben. Zu ihrem Machterhalt war diesmal nichts weniger als massive Rechtsbeugung erforderlich."