Wir alle lieben Italien. Der Wein ist gut, die Sonne scheint, und diese heiteren Menschen: Ja, wenn wir doch auch so genießerisch durch die Welt flanieren könnten! Hier ein Cappuccino, dort ein Plausch, viva Italia und das gute Leben dazu! Unsere Liebe zu Italien ist groß und nachsichtig, auch wenn es um ernstere Dinge geht. Politik zum Beispiel. Da will nichts richtig klappen. Das erwartet auch keiner. Das Chaotische gehört zum Charme Italiens.

Derlei Vorurteile haben den Rang einer anthropologischen Konstante, und als solche sind sie Werbeträger der Tourismusindustrie. So ist es auch zu erklären, dass bei der Wahl von Silvio Berlusconi zum Ministerpräsidenten kein Aufschrei durch Europa ging. Nichts, was vergleichbar gewesen wäre mit dem moralischen Aufruhr, als in Wien die ausländerfeindliche Freiheitliche Partei des Jörg Haider an die Regierung kam.

Kein Kanzler, kein Ministerpräsident sprach nach Berlusconis Wahl offen von dem, was jeder wusste: dass Italien zum europäischen Problem geworden war. Wer von ihnen noch ansetzen mochte zur Kritik an dem Medienzar, dem schloss realpolitisches Kalkül schnell den Mund: Italien ist zu groß für feinsinnige demokratische Ratschläge.

Mit der Ruhe ist es seit Genua aus. Es ist nicht mehr notwendig, von der Prügelorgie der Polizei gegen Demonstranten zu reden. Wer mehr darüber wissen möchte, der kann sich direkt an amnesty internationalwenden, das ein "Genua-Dossier" eröffnet hat. Offizielle italienische Quellen, die eine unerhörte Brutalität der Ordnungskräfte bezeugen, gibt es inzwischen genug.

Was braut sich in Italien zusammen? Was geschieht in einem Land, das seit kurzem einen vorbestraften Mann zum Ministerpräsidenten gewählt hat? Was bedeutet es, wenn an Roms Regierung Männer beteiligt sind, die ihre ideologisch-faschistischen Wurzeln nicht abgeschnitten haben? Was heißt es, wenn eine fremdenfeindliche Partei mitregiert? Und schließlich: Wie ist es mit der Zukunft der Demokratie bestellt, wenn der Ministerpräsident die keineswegs zaghaft ausgeübte Kontrolle über fast alle elektronischen Medien hat?

Es gibt keine Beweise, dass die Orgie der Gewalt in Genua von oben angeordnet wurde, es ist auch unwahrscheinlich, dass es solche Befehle gegeben hat. Wiewohl es wichtig ist, den Ursprung des Vergehens - und zwar aufseiten der Polizei und der Demonstranten - aufzuklären, war Genua doch nicht mehr als ein Brennglas, unter dem ein größeres Spiel zu erkennen ist. Silvio Berlusconi selbst hat ihm einen Namen gegeben: "Die Revolution Italiens". Der radikale Umbau.

Er regiert seit mehr als fünfzig Tagen. In dieser Zeit hat er folgende Bauelemente des neuen Italiens errichtet: ein Gesetz, das die Erbschaftsteuer abschafft (größter Nutznießer ist der reichste Mann Italiens, Berlusconi); einen Gesetzesvorschlag, der die Fälschung von Bilanzen nicht mehr als strafrechtlich verfolgbaren Tatbestand betrachtet (Berlusconi war wegen Bilanzfälschung verurteilt worden); einen Gesetzentwurf, der illegale Immigration in Italien zur Straftat macht, bedroht mit vier Jahren Gefängnis (eine Initiative der xenophoben Regierungspartei Lega Nord); einen weiteren Gesetzesvorschlag, der der Polizei mehr Autonomie gegenüber der Justiz einräumt (Berlusconi hatte die Untersuchungsrichter, die gegen ihn ermittelten, immer als politisch motivierte Täter dargestellt).