Wie gern werden Schwangere gefragt, ob es ein Junge oder ein Mädchen werden solle, und ihre Antwort ist immer die gleiche: Es solle bitte ein gesundes Kind werden, ein gesundes Kind! Heute wird das Kind im Mutterleib wie nie zuvor geprüft, ob es in der Norm liegt. Die Pränatale Diagnostik (PND) mithilfe einer Fruchtwasseruntersuchung, ursprünglich für Schwangere mit einem Risiko für genetisch bedingte Erkrankungen vorgesehen, wird schon vor jeder zehnten Geburt durchgeführt. Mit Folgen. Bei einem von 100 Tests kommt es zur Fehlgeburt auch völlig gesunder Kinder. Die Zahl später Schwangerschaftsabbrüche steigt, mitunter werden Feten nur Tage vor jenem Zeitpunkt, nach dem sie außerhalb des mütterlichen Körpers leben könnten, abgetrieben. Werdende Eltern, sagen Kritiker, finden sich als Komplizen einer Auslese biologisch geprüften Lebens wieder, weshalb Margot von Renesse, Vorsitzende der Enquete-Kommission für Recht und Ethik in der modernen Medizin, vorschlägt, die Schwangerschaftsvorsorge gesetzlich neu zu regeln. Schwangere bedürften besserer Beratung. Ärzteverbände fordern, Abtreibungen nach der 22. Schwangerschaftswoche zu verbieten, sofern das Leben der Frau nicht in Gefahr sei.

Es ist so: Ultraschall, Amniozentese, Chorionzottenbiopsie haben jede Schwangerschaft in eine Hoffnung auf Vorbehalt verwandelt. Auch wenn der Bauch sich schon rundet, spüren Frauen in sich eine Reserve. Ihre letzte Entscheidung für das Kind steht noch aus. Das kann sich anfühlen wie Verrat. Der Paragraf 218 macht es - wider bessere Absicht - möglich, die Zumutung durch die Schwangerschaft mit einem behinderten Kind als besonders schwere Belastung zu werten und ermöglicht ihren straffreien Abbruch ohne zeitliche Begrenzung. Frauen allein durch Beratung zu bewegen, diesen Raum nicht zu nutzen, wird schwierig sein. Beratung muss ja etwas anzubieten haben. Was könnte das sein in einer Gesellschaft, in der sinkende Geburtenzahlen und rund 132 000 nicht medizinisch begründete Abtreibungen im Jahr deutlich ausdrücken, dass viele Menschen hierzulande meinen, sich nicht für ein Leben mit Kindern, behindert oder nicht, entscheiden zu können? In erster Linie eine familiengerechte Sozialpolitik.

Der moralische Rigorismus, mit dem der Lebensschutz des Ungeborenen diskutiert wird, könnte freudig stimmen, wünschen sich Eltern doch nichts so sehr wie Lebensschutz für ihre geborenen Kinder - beispielsweise auf den Straßen, wo jedes Jahr Tausende von Menschen totgefahren oder zu Behinderten werden. Wen im Parlament aber interessieren ganz normale Elternsorgen? Der Paragraf 218 hatte vor sechs Jahren versprochen, niemand müsse aus wirtschaftlichen Gründen abtreiben, Kindergartenplätze würden sicherstellen, dass Eltern über Arbeit ihre Existenz sichern könnten. Und wo sind diese Plätze?

Es ist eben billiger, Gesetze scharf zu machen, als sie umzusetzen.