Es war klar, dass diese Ertrunkenen die Bayerischen Tage nicht mehr besuchen würden, aber man muss gestehen, dass es auch die noch lebenden Moskauer nicht gerade eilig hatten, die bayerischen Errungenschaften zu bewundern. Vorbei sind jene glücklichen sowjetischen Zeiten, da sich vor Ausstellungen aus dem Westen kilometerlange Schlangen neugieriger Gefangener des Kommunismus bildeten, beginnend 1959 mit der Amerika-Ausstellung in Sokolniki, wo jedem Besucher gratis ein Plastikbecher Coca-Cola gereicht wurde, als sei's das heilige Abendmahl. Weshalb es in den Schlangen zu ungeheuerlichen Prügeleien kam, und einige Besucher bewahrten danach jahrelang noch die leeren Becher auf zur Erinnerung an die Begegnung mit Amerika. Man sollte meinen, dass die Bayern mit ihrem Bier gerade recht in Moskau eingetroffen waren, aber die historischen Zeiten haben sich geändert, und das Holzfahrrad stand einsam herum, nicht weit vom Stand eines bayerischen Optikers, der bereit war, gratis die Defekte russischen Sehvermögens anhand eines unvorstellbaren, zukunftsweisenden optischen Apparates zu bestimmen, aber nicht einmal der Optiker hatte Erfolg. Neben dem Fahrrad gefiel mir das Modell eines bayerischen Hauses im Querschnitt, das alternative Energiequellen präsentierte, vermutlich Sonnenkollektoren. Zu sehen waren nicht nur Mobiliar, Kinder und Eigentümer, sondern sogar eine Katze mit zwei Jungen, und das hinterließ den Eindruck einer irgendwie bedrückenden bayerischen Gemütlichkeit. Ebenso gemütlich und ebenso ohne Publikum wie die Ausstellung war der literarische Abend zweier junger bayerischer Schriftsteller, die ihre Prosa im leeren Saal des Puschkin-Museums zum Besten gaben, wobei ich mich allenfalls an die eine gelungene Beobachtung erinnere, dass ein Mensch, der Schulden hat, immer lügt. Das bedeutet, dachte ich mit einer gewissen Erleichterung, dass die Deutschen auch manchmal lügen, oder haben sie, im Gegensatz zu den Russen, keine Schulden? Übrigens, ich will nicht lügen, die Schriftsteller hatten doch ein gewisses Publikum, genauer gesagt, vereinzelte Teilnehmer der besagten Delegation sowie einige Fotografen - Teilnehmer einer anderen Ausstellung, die in den Räumen des Museums für zeitgenössische Kunst stattfand. Dieses Museum erfreut sich in Moskau eines schlechten Rufes wegen seines Gründers, Herrn Zereteli, der die Stadt mit einer Reihe von Denkmälern und Skulpturen beglückt hat, die sich in ihrer Kitschigkeit mit den bayerischen Schlössern Ludwigs II. messen können, aber das sind nur lokale Querelen, die mit den bayerischen Fotografen gar nichts zu tun haben. Die bayerischen Fotografien selbst haben überhaupt mit nichts etwas zu tun; sie beeindruckten mich dadurch, dass ihnen jede Realität fremd zu sein schien, sofern man nicht die Nahaufnahmen von den enormen Blättern eines indonesischen Baums (wie für ein Herbarium) als realistisch bezeichnen möchte. Gott, dachte ich, wie glücklich müssen diese Bayern sein! Knipsen alle möglichen Blätterchen ... Während unsere heutigen russischen Fotokünstler sich alle Mühe geben, so zynisch wie möglich den Menschen auszuziehen und seine ganze Hässlichkeit zu zeigen, sind in der bayerischen Fotografie anscheinend das Nirwana und der Kommunismus zugleich angebrochen. Auf der Fotoausstellung war auch niemand, obwohl Inga, die liebenswürdige Kuratorin, mir sagte, dass zur Vernissage doch eine Menge Leute gekommen seien, sogar Fernsehkameras seien da gewesen.

Als wir so ins Reden kamen, verstand ich plötzlich, worum es eigentlich ging. Sie erklärte mir, Ziel der Ausstellung sei es, den Dialog (vielleicht mittels des besagten indonesischen Herbariums) mit verschiedenen Ländern in Gang zu bringen, von Simbabwe bis Russland. Ach so ist das! Die Bayern sind im Namen der hoch entwickelten westlichen Zivilisation, deren Vorhut sie offensichtlich darstellen, nach Moskau gekommen, um uns, zusammen mit Simbabwe, zu zivilisierteren Menschen zu machen. Daher auch nicht nur die alternativen Energieressourcen, Seminare über die Kunst des Managements und schließlich noch jener Optiker, sondern auch das unterschwellige Pathos der Bayerischen Tage. Die Russen muss man genauso umerziehen, wie damals nach dem Krieg die Bayern selbst von anderen Abgesandten der Demokratie umerzogen wurden: von der US-Armee mit ihrer Schokolade und ihren Optikern ... Allerdings, so bemerkte einer der jungen bayerischen Schriftsteller nach der Lesung, habe er Moskau ganz anders vorgefunden, als er es sich nach den schreckenerregenden Reportagen des deutschen Fernsehens vorgestellt hatte.

Wie dem auch sei, nach einigen gähnend leeren Ausstellungen beschloss ich, mich nicht mehr blicken zu lassen, denn wäre ich weiterhin überall allein aufgetaucht, hätte man womöglich noch gemeint, mein Verhältnis zu Bayern sei irgendwie abartig. Übrigens, zu bayerischem Jazz und Kino werden wohl mehr Leute zusammenkommen, so wie auch bei der Eröffnung der Bayerischen Tage im Vergnügungspark Ermitage Leute da waren, um Bier mit Würstchen zu verzehren. Aber wegen des Fahrrads tut es mir leid. Das hölzerne Gefährt hätte man tatsächlich stehlen können, wenn man sich mit dem trägen Aufpasser verständigt hätte, und ich würde Bayerns immer in Liebe gedenken.