Die Krawatte war so beeindruckend, dass Vincent Imer de Grenétel sich noch Jahre später an sie erinnert: In einem rot-grünen Blumenmuster gehalten, zierte sie den Hals des russischen Außenministers Andrej Kosyrew beim internationalen Wirtschaftsforum in Crans Montana. "Zu Hause hätte er sie nicht getragen", sagt Imer de Grenétel, der damals, Mitte der neunziger Jahre, Generalsekretär der Veranstaltung war. "Vermutlich wollte Kosyrew sich damit in den westlichen Ländern ein modernes Image geben." Doch die Krawatte war moderner als der Westen, zu modern jedenfalls für den Kameramann von Euronews. Sie könnte sein Bild dominieren, fürchtete er, man würde nicht auf die Politiker schauen, nur noch auf den russischen Schlips. Der Kameramann insistierte. Minuten vor der Live-Übertragung vertauschte Imer de Grenétel das Accessoire des Modevorreiters mit der dunklen Krawatte eines Bediensteten. Der Westen konnte senden.

Kleider machen nicht nur Leute, sondern auch Probleme. Und das vor allem im internationalen Dialog. "Kleidung ist ein Zeichensystem", sagt Bernd Müller-Jacquier, Professor für Interkulturelle Kommunikation an der TU Chemnitz. "Wir geben damit erste Hinweise auf unsere Identität und unsere Wertorientierung." Das bleibt nicht ohne Konsequenzen: So kann ein Politikerimage oder ein Businessdeal unter anderem davon abhängen, wie viel Vertrauenswürdigkeit und Respekt man mit diesen Zeichen signalisiert. Schwierig wird die Sache dadurch, dass die Sprache der Kleider von Land zu Land verschieden ist. Und im Sommer gesellt sich zu der grundlegenden Frage, was man anziehen soll, zu allem Überfluss auch noch die Frage, was davon man in der Hitze ausziehen darf.

Ein Babylon der Etikette: Unterhemden etwa sind für Manager in Korea Pflicht - eine Vorgabe, die bei manchem US-Amerikaner auf Unverständnis stößt. Weiß ist in Indien Ausdruck von Trauer, Rot in arabischen Ländern vulgär, Khaki assoziiert man dort mit Freizeit. Trägt eine Ausländerin in Indien die dortige Businesstracht, wird dies als Versuch gewertet, sich der Kultur anzunähern; in arabischen Ländern verletzt das Tragen einheimischer Kleidung dagegen die Gefühle der Bevölkerung. Und dass man schwedische oder koreanische Manager bisweilen in hellen Socken antreffen kann, letztere sogar in Kombination mit offenen Sandalen, hat schon so manchen Briten erschüttert.

Wie soll man sich orientieren bei einer derart komplexen internationalen Kleiderordnung? Workshops von interkulturellen Trainern helfen zwar, die Kultur eines Landes zu verstehen. Pauschale Kleidungstipps können sie aber nur begrenzt bieten: Denn der Dresscode ist nicht nur abhängig von der Kultur, sondern auch von der Branche, dem eigenen Anliegen sowie Sitz und Art des Unternehmens. "Man sollte deshalb versuchen", empfielt Michael Rössler, Projektleiter für interkulturelle Trainings und Beratung beim Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) in Stuttgart, "ein Gespür für die Situation zu bekommen."

Der erste Eindruck zählt

Doch leider entwickelt so mancher Manager dieses Gespür erst, wenn er sich in der Situation befindet - und spürt, dass er falsch angezogen ist. Wer Fehltritten vorbeugen will, dem bleibt nur, in der jeweiligen Landeskultur nach Hinweisen zu forschen, wie wichtig die Kleiderfrage ist. Rössler beschreibt die Beziehung zwischen Kleidern und Kultur mit dem Bild eines Eisberges: Kleidung gehöre zum sichtbaren Teil über Wasser. "Aber diese Spitze ist mit dem Teil unter Wasser verbunden." Zu diesem unsichtbaren Teil zählen bestimmte Werte, die etwa durch die Religion geprägt werden: So sind katholische Kulturen mehr visuell, an Formalia, orientiert; protestantische oft eher an Inhalten. Eine Rolle spielt auch die Frage, ob eine Gesellschaft stark gruppenbezogen ist und deshalb optische Anpassung fordert - oder individuell orientiert und Kleidung als Ausdruck der Persönlichkeit sieht.

Ein dritter entscheidender Faktor ist Hierarchiedenken: Stark hierarchisch gegliederte Kulturen, wie etwa im arabischen Raum, pochen mehr darauf, dass man Respekt zeigt - etwa indem man sich an die Kleiderordnung hält. Männern rät die interkulturelle Trainerin Béatrice Hecht-El Minshawi aus Bremen deshalb zu Anzügen in gedeckten Farben, Frauen zu Hosenanzügen oder Kostümen mit wadenlangen, glockig geschnittenen Röcken. Sind die Hierarchien eines Landes dagegen flacher, wird auch die Kleiderfrage meist lockerer gehandhabt: Australische Manager etwa überraschen ihre europäischen Geschäftspartner gerne mal mit einer kurzen Hose. Aber auch in Australien sollten Europäer zumindest für das erste Treffen die Form bewahren. "Die Geschäftsbeziehungen sind in Australien vergleichsweise kurz; Ziel ist es, einen schnellen Dollar zu machen", so Hecht-El Minshawi. "Der erste Eindruck zählt."