Regina Ziegler, 56, reihte sich mit 29 Jahren ein in die Männerriege der deutschen Filmproduzenten. Heute gehört die Ziegler Film GmbH mit Sitz in Berlin und Köln mit über 200 Werken für Film und Fernsehen zu den Branchenführern. Thriller ("Solo für Klarinette"), Romanverfilmungen ("Fabian"), Mehrteiler ("Die große Flatter", "Sturmzeit"), Serien ("Anna Marx") und Fernsehreihen ("Erotic Tales") sowie zahlreiche Preise und Auszeichnungen gehen auf Regina Zieglers Konto. Für den Herbst ist im ersten Programm der zweiteilige Fernsehfilm "Der Verleger" über Axel Springer geplant; die neueste Kinoproduktion, die Manhattan-Love-Story "Nancy und Frank", startet am 18. Oktober

Auf die Eichenlaubkränze von Turnvater Jahn, in die rote und weiße Schleifen gebunden waren, bin ich noch heute stolz; die sportlichen Ehrenurkunden habe ich alle gesammelt, auch das Abzeichen des Goldenen Totenschwimmers, das ich für fünf Stunden Dauerschwimmen erhielt. Mit sieben kam ich zum Männerturnverein bei uns in Obernkirchen, damals längst ein gemischter Verein. Weitsprung, Kugelstoßen, Laufen, im Winter Skifahren im Harz - ich war ständig in Bewegung, und langweilig war mir, bis heute, nie.

Der größte Schatz, den ich in der Jugend ansammelte, sind die vielen Geschichten in meinem Kopf. Die biblischen Geschichten, die ich im Gottesdienst hörte, beflügelten meine Fantasie. Dass Jesus auf dem Wasser gehen konnte, beeindruckte mich, und ich habe es natürlich auch versucht. Aus Fassbrettern bauten wir die Arche Noah, "bemannten" sie mit Fröschen und Käfern und setzten sie auf die Weser. Das Schiff ging unter, das Sinnbild blieb mir im Gedächtnis: der Wunsch zu existieren - doch auf meine Weise. Da war mir meine Mutter ein großes Vorbild. Im Krieg verschlug es sie von Berlin zu meinen Großeltern ins Weserbergland. Sie war mit mir und meiner fünf Jahre älteren Schwester fast auf sich gestellt, weil Vater als Ingenieur und Brunnenbauer oft monatelang im Ausland arbeitete, brachte uns aber mit eigener Kraft durch und behauptete sich resolut und unbestechlich als Reporterin.

Meine Mutter öffnete mir eine weitere Geschichtenwelt. Als Lokaljournalistin schrieb sie auch Filmkritiken und hatte immer zwei Freikarten. Schon mit neun Jahren durfte ich sie zwei-, dreimal die Woche abends begleiten. Nachts wenn der Teufel kam gefiel mir besonders, natürlich wegen Mario Adorf, und ich liebte Vom Winde verweht. Im Fernsehen sah ich die Krönung der englischen Königin; wir hatten mit als Erste in unserer Kleinstadt einen Apparat, doch Bücher blieben viel wichtiger. Ich verschlang, was ich kriegen konnte, mochte die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht, las Erich Kästners Fabian mit der Taschenlampe unter der Bettdecke. Mit Jobs in einer Glasfabrik und Nachhilfestunden finanzierte ich Bücher, dann auch Disco-Besuche, von denen ich oft später nach Hause kam, als meiner Mutter recht war. Sie nahm mein Nachthemd zu sich ins Bett, um wenigstens zu wissen, wann ich zurück war.

Schule war für mich Nebensache, fiel mir aber zu, und ich schaffte mit minimalem Aufwand passable Noten. Ich besuchte das Gymnasium Adolfinum in Bückeburg, neun Kilometer von unserem Wohnort entfernt, und machte das Latinum und Graecum, um Jura studieren zu können. Weil ich seit langem Jugendgruppen in Kirche und Sportverein leitete, wollte ich auch im Beruf mit jungen Leuten zu tun haben und Jugendrichterin werden. Und mich zog es in die Großstadt, Traumziel war Berlin. Meine Eltern erzählten oft von ihren Berliner Jahren, und eines Tages besuchte uns Hartmut Ziegler, der Sohn von Bekannten aus der Röntgenstraße, in der sie gewohnt hatten. Mit ihm zusammen fuhr ich eine Woche nach dem Abitur nach Berlin und schrieb mich in Jura ein.

Richtig studiert habe ich nicht, sondern genoss den Großstadtsommer 1964. Angekommen als naive, unverdorbene 19-Jährige, lernte ich ein neues Leben kennen, Wörter wie Wolkenkratzer und Concierge füllten sich mit Inhalt. Tagsüber streifte ich durch die Stadt, nachts angelten Hartmut (später mein Mann) und ich Havelzander und Aal. Das Tempo war hier viel schneller, als ich das von Obernkirchen kannte - plötzlich empfand ich das Jurastudium als Horror: Acht Jahre würde es dauern, bis ich Richterin wäre - und eine alte Frau. Ein Bekannter vermittelte mir einen Job beim Sender Freies Berlin. Ich war der "Aktenschwanz" - zuständig für all das, was die anderen nicht machen wollten. Meine Eltern waren entsetzt - und rangen mir eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin ab.

Beim SFB machte ich schnell Karriere; ich war präsent, recherchierte hier und half dort, arbeitete zuverlässig und entlastete meine Chefs. Nach sieben Jahren hatte ich die Aufgaben einer Produktionsleiterin, jedoch nicht die Position. Der Zeitpunkt, mich auf eigene Füße zu stellen, war gekommen. Kollegen ermunterten mich, mein Mann war dagegen und hätte zur Bremse auf meinem Lebensweg werden können. Ich entschied mich für das Wagnis: Trennung und Selbstständigkeit. Die Scheidung brachte mir Schulden ein, doch die 30 Mark für den Gewerbeschein waren noch drin. Dann machten Wolf Gremm und ich unseren ersten Spielfilm, Ich dachte, ich wäre tot (1973), für den wir einen Bundesfilmpreis bekamen.