Heinlein: Noch bis zur kommenden Woche weilt der Bundeskanzler an der Adria. Gerhard Schröder sucht Entspannung vom politischen Alltag, und auch seinen Parteigenossen hatte er vor seinem Abschied geraten, ein ‚Sommertheater' zu vermeiden. Doch längst nicht alle Sozialdemokraten hielten sich an das Schweige-gelübde; Aufsässigkeiten kamen vor allem aus der Riege junger Genossen. Ihr Credo: Der rot-grüne Reformeifer sei erlahmt, eine Politik der ruhigen Hand reiche nicht aus, um die anstehenden Probleme zu lösen. Noch schweigt der Kanzler zu den Vorwürfen. Am Telefon begrüße ich nun den saarländischen SPD-Landeschef Heiko Maas. Guten Morgen.

Maas: Guten Morgen.

Heinlein: Herr Maas, hat der Bundeskanzler das ‚Aussitzen' gelernt?

Maas: Das glaube ich nicht. Der Bundeskanzler hat in der Zeit, in der er im Amt ist, eine Vielzahl von Reformen angestoßen und durchgeführt - Steuerreform, Rentenreform, Ausstieg aus der Atomenergie, die Zuwanderung jetzt ganz aktuell. Also ich glaube, da ist durchaus Bewegung drin. Nur - man muss ab und zu auch darauf hinweisen, dass das das große Plus dieser Bundesregierung ist und dass man deshalb diese Reformen, die auch weiterhin notwendig sind, genau so offensiv wie in der Vergangenheit am Ende der Legislaturperiode weiterführen muss.

Heinlein: Also, Sie haben die Sorge, dass mittlerweile - ein Jahr vor der Bundestagswahl - der rot-grüne Reformwille so ein bisschen erlahmt ist?

Maas: Nun ja, je näher ein Wahltermin rückt, je geringer der Reformeifer. Das ist eine alte Regel. Es ist auch schwieriger, wenn Wahlen vor der Tür stehen, wirklich große Reformen sachlich vernünftig über die Bühne zu bringen. Aber das kann nicht dazu führen, dass in wichtigen Fragen - etwa die Diskussion um die Gesundheitsvorsorge oder die Diskussion um die Bio- und Gentechnologie - dass man das zu sehr in die Zukunft verschiebt. Dort müssen Entscheidungen getroffen werden, und das auch vor der Bundestagswahl.

Heinlein: Was könnten denn die Folgen sein, wenn man diese Probleme ‚Gesundheit', ‚Konjunktur' etc. auf die lange Bank verschiebt bis nach den Wahlen?