Engels: Seit gestern hat es Bundeskanzler Gerhard Schröder schwarz auf weiß. Die Arbeitslosenzahlen weisen nicht in die anvisierte Richtung von 3,5 Millionen. Die Bundesanstalt für Arbeit weist für den Monat Juli 3,8 Millionen Menschen aus, die Beschäftigung suchen. Das sind zwar 4.900 weniger als vor einem Jahr, aber 104.000 mehr als im vergangenen Monat. Und auch der Präsident der Bundesanstalt Jagoda musste einräumen, dass die Rechnung von 3,7 Millionen Beschäftigungslosen im Jahresdurchschnitt, die seine Anstalt ursprünglich aufgestellt hatte, nicht mehr zu halten ist. Die wachsende Arbeitslosigkeit betrifft nach wie vor in besonderem Maße die ostdeutschen Bundesländer. Am Telefon begrüße ich Bernhard Vogel. Er ist Ministerpräsident von Thüringen. Guten Morgen.

Vogel: Guten Morgen Frau Engels.

Engels: Herr Vogel, auch in Thüringen ist die Arbeitslosigkeit in diesem Monat gestiegen, um 6.400 auf 192.000 im Monat Juli - eine Arbeitslosenquote von 15,2 Prozent. Woran liegt's?

Vogel: Daran, dass sich nichts bewegt, dass der Aufschwung nicht eingetreten ist, dass wir innerhalb der Europäischen Union das Schlusslicht sind, und dass wir uns auf 4 Millionen zubewegen und nicht auf 3 Millionen herunter. Es muss etwas getan werden, aber kein Strohfeuer, meiner Ansicht nach kein Konjunkturprogramm, sondern - was die neuen Länder betrifft - die Infrastruktur muss besser werden. Und hier sind Entscheidungen notwendig.

Engels: Nun ist ja schon viel Geld in die Infrastruktur geflossen; das wären auch staatliche Investitionen. Woher soll denn dieses Geld noch kommen?

Vogel: Ich habe ja schon vor vielen Monaten, weil ich die Entwicklung kommen sah, entsprechende Vorschläge gemacht. Ein kleines bisschen hat sich der Bund auch bewegt. Er hat ein Sanierungsprogramm für die Innenstädte aufgelegt, allerdings meiner Ansicht nach in viel zu geringem Umfang. Es müssen Investitionen, die ohnehin getätigt werden müssen und über die es gar keinen Streit gibt - Ausbau von Straßen und Schienen beispielsweise, aber auch andere Infrastrukturmaßnahmen - vorgezogen werden, damit wir von dieser Stagnationssituation wegkommen, denn es ist völlig unbefriedigend, dass im Osten die Arbeitslosigkeit nicht ab-, sondern zunimmt.

Engels: Aber Sie fordern jetzt wieder die Verpflichtung des Bundes. Muss sich nicht auch Thüringen selbst an die eigene Nase fassen, statt immer mehr vom Bund zu verlangen?