Als der Anruf aus der Praxis kam, wusste sie, dass es passiert war. Das Ergebnis des Tests liege vor, sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung. Es gebe bei ihrem Kind "chromosomale Auffälligkeiten". Sie möge doch bitte sofort in die Praxis kommen, am besten gleich mit ihrem Mann. Was folgte, waren 48 Stunden, die Petra Dreier (Name geändert) wie einen Film erlebte, den sie bis heute immer wieder sehen muss. Kurze Zeit nach dem Anruf saß die im fünften Monat Schwangere einem Gynäkologen gegenüber, der sie über die Krankheit des Kindes in ihrem Bauch aufklärte. 24 Stunden später fand sie sich in einem Bett eines nahe gelegenen Krankenhauses wieder. Im Morgengrauen hatte sie die Abtreibung hinter sich.

Während Ethikkommissionen über den rechtlichen Status eines Embryos im Achtzellstadium befinden, der Bundespräsident die Zeugung auf Probe kritisiert, Feuilletonisten vor einer neuen Euthanasie warnen, gehört die systematische Suche nach behindertem Leben zum Alltag in Arztpraxen und Krankenhäusern. Kaum ein Kind kommt heute auf die Welt, ohne dass es eine mehrstufige Qualitätskontrolle durchlaufen hat. In manchen Fällen, ohne dass die Mutter davon etwas erfährt.

Petra Dreier hatte, als sie nach zwei Kindern erneut schwanger wurde, keinen einzigen Moment an eine Abtreibung gedacht. Dann eben noch ein drittes Kind, hatte sie sich gesagt. Es wird schon gehen. Einen Termin für eine Fruchtwasseruntersuchung ließ sich die damals 36-Jährige dennoch geben. "Wir wollen doch sicher sein, dass Ihr Kind gesund ist", zerstreute der Gynäkologe ihre Zweifel.

Was geschähe, wenn das Gegenteil der Fall wäre, davon war vor der Untersuchung nicht die Rede. Dafür umso mehr, als das Testergebnis vorlag. Als die Diagnose Trisomie 21 hieß, Down-Syndrom. Da sei "immer etwas los", sagte der Arzt. Herzfehler, laufende Krankenhausaufenthalte und eben geistige Behinderung. Eine Bekannte habe ein solches Kind. Das sei die Hölle, sagte der Arzt. Eine schnelle Abtreibung oder ein Leben lang Hölle: Was soll man da noch zögern? Als Petra Dreier merkte, dass ein längeres Nachdenken vielleicht zu einer anderen Entscheidung geführt hätte, war es zu spät.

Ultraschalluntersuchungen, verschiedene Bluttests der Mutter, im Verdachtsfall Punktion des Mutterkuchens (Chorionzottenbiopsie) oder Analyse des Fruchtwassers (Amniozentese) gehören heute zum Angebot fast jeder gynäkologischen Praxis. Sie helfen, Mehrlinge zu entdecken, den Verlauf der Schwangerschaft zu überwachen und bei Komplikationen eine optimale Geburt vorzubereiten. Im Fall einer Krankheit ermöglichen die Untersuchungen eine gezielte Behandlung nach der Geburt, mitunter eine Therapie noch im Uterus. Doch längst hat die Schwangerschaftsvorsorge einen doppelten Sinn: Frau und Fötus zu schützen - wie behindertes Leben gezielt herauszufiltern. Denn für viele Schädigungen gibt es keine Therapie. Pränataldiagnostik ist Vorbereitung auf eine sichere Geburt und auf einen sicheren Abbruch zugleich.

Bereits die erste Untersuchung, der Ultraschall ab der 10. Schwangerschaftswoche, dient dazu, Hinweise auf eine mögliche Behinderung des Fötus zu entdecken. "Dabei glauben die meisten Eltern, da werde nur ein Babyfoto fürs Album gemacht", sagt Margot von Renesse. Die Vorsitzende der Enquete-Kommission für Recht und Ethik in der modernen Medizin des Bundestages hält die Pränataldiagnostik für eines der "zentralen Probleme, die der Gesetzgeber dringend klären muss".

Ärzte rufen ebenso nach strengeren Richtlinien. "Es besteht ein eklatanter Widerspruch zwischen den besorgten Diskussionen um die möglichen Folgen der Präimplantationsdiagnostik und den Problemen der vorgeburtlichen Diagnostik, über die kaum jemand spricht", kritisiert Klaus Zerres, Leiter des Instituts für Humangenetik der Aachener Uniklinik. In einer der nächsten Ausgaben des Deutschen Ärzteblattes fordern Humangenetiker, dass einer Fruchtwasseruntersuchung, die einen auffälligen Befund ergibt, stets eine ausführliche und fachkundige Beratung folgen müsse, bevor es - in einem bereits fortgesetzten Stadium der Schwangerschaft - zu einem Abbruch kommt.

Abtreibung ohne Fristen

Die 200 bis 800 so genannten Spätabtreibungen pro Jahr (genaue Zahlen kennt niemand) geschehen, weil die Fruchtwasseruntersuchung erst zwischen der 14. und 17. Woche erfolgen kann. Auf den endgültigen Befund muss die Frau noch einmal zwei bis drei Wochen warten. Dass eine Abtreibung per Ausschabung zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich ist, erfuhr Petra Dreier erst im Krankenhaus. Vielmehr müssen die Ärzte mithilfe von Hormonen künstliche Wehen hervorrufen. Da der Körper auf die Geburt des Kindes noch nicht eingestellt ist, dauert die Prozedur viele Stunden, mitunter Tage. Bis zum Beginn des nächsten Morgens musste Petra Dreier warten, bis der tote Fötus zur Welt kam.

Erfolgt der Abbruch nach der 22. Woche, überlebt das Kind mitunter die Zwangsgeburt und bringt die Ärzte in eine teuflische Situation: Was eben das Ziel der Operation war - der Tod des Fötus -, gilt es nun zu verhindern. Die Ärzte müssen alles tun, um das Frühchen zu retten. Einige Ärzte töten den Fötus mit einer Kaliumspritze ins Herz bereits im Mutterleib, um der Notlage zu entgehen.

Was jeden Tag vorkommt, darf es offiziell nicht geben. Als der Bundestag den Paragrafen 218 reformierte, entfiel die so genannte embryopathische Indikation, die Behinderung des Kindes, als Grund für einen Abbruch. Dieser Erfolg der Behindertenverbände hat sich zur Niederlage verkehrt. Zwar darf seit 1995 kein Kind nur deshalb abgetrieben werden, weil es behindert ist. Wenn die erwartete Missbildung jedoch das seelische Wohl der Mutter schwer gefährdet, ist der Abbruch sehr wohl erlaubt - im Prinzip bis kurz vor der Geburt. Denn Fristen oder Beschränkungen wie der alte Abtreibungsparagraf kennt die neue Regelung nur für die soziale Indikation, nicht aber für die medizinische.

"Die heutige Praxis entspricht nicht dem Geist des Paragrafen 218", kritisiert die stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende Maria Böhmer. Die Christdemokraten wollen die Regelung um den Passus ergänzen: "Ein embryopathischer Befund allein ist keine Gefahr für die Mutter im Sinne von Paragraf 218." Auch die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe möchte sehr späte Abbrüche nur erlaubt sehen, fordert Verbandspräsident Heinz Georg Bender, wenn das Leben der Mutter unmittelbar in Gefahr ist.

Die Forderungen werden im Bundestag keine Mehrheit finden. SPD, Grüne und viele Christdemokraten wollen den Paragrafen 218 nicht antasten. Man dürfe nicht unterstellen, dass Eltern, die nach dem dritten Monat einen Abbruch vornehmen lassen, leichtfertig handeln, warnt Margot von Renesse. "Das sind eigentlich Wunschkinder. Für die haben die Mütter schon Hemdchen gestrickt." Wichtiger sei es, so Renesse, die Ärzte zu verpflichten, die Eltern während der vorgeburtlichen Untersuchungen besser zu informieren. "Die Frau soll entscheiden, welche Diagnostik sie wünscht und welche Folgen sie daraus zieht, nicht der Arzt." Auch Renesse fordert jedoch eine Pflichtberatung sowie eine Karenzzeit von drei Tagen vor einem späten Abbruch. Zusammen mit der Präimplantationsdiagnostik könnte ein neues Gesetz auch die Schwangerschaftsvorsorge regeln. "Wir müssen den Automatismus der Pränataldiagnostik stoppen."

Dabei sollte es so weit nie kommen. Als die ersten pränatalen Tests Anfang der siebziger Jahre auf den Markt kamen, sollten sie nur unter strengen Auflagen zum Einsatz gelangen - Regeln, die den heute diskutierten Richtlinien für Begrenzung der Präimplantationsdiagnostik ähneln. Fruchtwasseruntersuchungen waren für einen kleinen Kreis von Frauen gedacht, die in ihrer Familie ein genetisches Risiko trugen oder im fortgeschrittenen Alter ihr Kind bekamen. Jedem Eingriff sollte eine fachkundige Unterweisung vorausgehen über Folgen und Gefahren der Tests. Sobald ein auffälliges Ergebnis vorlag, sollte eine weitere medizinische wie sozialpsychologische Beratung der Schwangeren helfen, sich für oder gegen einen Abbruch zu entscheiden.

Vernünftige Richtlinien der Bundesärztekammer existieren bis heute. Doch viele Mediziner halten sich nicht daran. Die Zahl der Untersuchungen des Fruchtwassers und der Entnahme des Chorionzottengewebes stieg steil an: von 1796 im Jahr 1976, als die Krankenkassen die Kosten des Eingriffs übernahmen, auf 15 888 in 1982. Zurzeit sind es rund 80 000 pro Jahr. Einerseits gibt es mehr Frauen, die nach der als kritisch definierten Altersgrenze von 35 Jahren ein Kind bekommen. Andererseits werden immer mehr jüngere Schwangere getestet. Heute geht jeder zehnten Geburt eine Amniozentese voraus - oft ohne Beratung. Damit ist die Pränataldiagnostik ein Beispiel, wie eine medizinische Technik ethische und standesrechtliche Maßstäbe zur Makulatur werden ließ - und ein Lehrstück für die Entwicklung weiterer Techniken der Fortpflanzungsmedizin. Aus einer Spezialuntersuchung für wenige Risikopatientinnen ist ein Routinecheck geworden: als Folge fragwürdiger Gerichtsurteile und Einkommensinteressen von Ärzten, durch die Angst der Eltern vor einem behinderten Kind - und den Druck der Gesellschaft, alles medizinisch Machbare zu machen, um zu vermeiden, was nicht sein muss.

"Die Pränataldiagnostik hat die Einstellung zu Behinderungen verändert", vermutet Wolfram Henn von der Universität des Saarlandes. Der Humangenetiker untersucht, wie die vorgeburtlichen Tests sich auf Eltern auswirken, die ein Kind mit einem Down-Syndrom haben. Eine der häufigsten Fragen, die die Paare zu hören bekommen, lautet, warum sie ihr Kind trotz Pränataldiagnostik bekommen haben. Die meisten werdenden Eltern wollen sich die Frage gar nicht erst stellen lassen: 90 Prozent der Paare, die die Diagnose Down-Syndrom erfahren, entscheiden sich für einen Abbruch.

Frauen stehen unter Druck

Damit haben die medizinischen Möglichkeiten die Erklärungszwänge umgedreht: Nicht jene Frauen, die sich zum Abbruch entscheiden, müssen sich rechtfertigen, sondern Paare, die sich trotz zu erwartender Schädigung für das Kind entscheiden. "Die stehen unter einem großen Druck", sagt Katrin Schenck-Kaiser von der genetischen Beratungsstelle der Universität Freiburg, zu der Betroffene nach einem pathologischen Befund kommen. Schon bei der Diagnostik, so die Sozialarbeiterin, fühlen sich Frauen von ihrem Arzt in eine Richtung gedrängt. Kürzlich sei wieder eine Frau in ihre Sprechstunde gekommen, deren Gynäkologe eine Fruchtwasseruntersuchung mit den Worten durchgeführt habe, ab 35 Jahre müsse jede Frau das machen. Die Chance zu wählen habe sie nicht gehabt.

Ungefähr ein Fünftel aller Frauen über 35 entscheidet sich gegen den Eingriff. Sie müssen per Unterschrift bezeugen und bestätigen, dass ihr Arzt sie auf die möglichen Folgen der Weigerung hingewiesen hat - als ob sie sich gegen eine lebenswichtige Operation sperren. Viele Ärzte fühlen sich zu solchen Formalien durch die Gerichte gezwungen. Erstmals 1984 haben Richter Frauen Recht gegeben, die ihren Gynäkologen verklagten, nachdem sie ein behindertes Kind geboren hatten, ohne von ihrem Arzt trotz altersbedingten Risikos auf eine Fruchtwasseruntersuchung hingewiesen worden zu sein. "Solche Gerichtsurteile mahnen die Ärzte zur Vorsicht", erklärt Verbandspräsident Heinz Georg Bender die Absicherungsstrategien seiner Kollegen. Sie haben Angst, am Ende als Mitverursacher des Schadensfalls "behindertes Kind" zu gelten.

Für den Druck, ein gesundes Kind zu garantieren, den viele Gynäkologen heute beklagen, sind sie selbst mitverantwortlich. Das zeigt der so genannte Triple-Test. Anhand dreier Blutwerte der Schwangeren ermittelt er die Wahrscheinlichkeit für ein behindertes Kind. Eigentlich sollte der Triple-Test dazu beitragen, die invasiven Methoden der Pränataldiagnostik zu begrenzen. Bewirkt hat er das Gegenteil: Sobald ein erhöhtes Risiko festgestellt wird, lassen die meisten Frauen eine Fruchtwasseruntersuchung oder Chorionzottenbiopsie folgen. Falsch interpretiert, trägt die Analysemethode zudem dazu bei, Schwangere zu verunsichern. "Da ruft dann die Sprechstundenhilfe zu Hause an und sagt der Frau, mit dem Kind sei etwas nicht ganz in Ordnung", kritisiert der Aachener Humangenetiker Klaus Zerres. Dabei habe sich die Wahrscheinlichkeit, ein Down-Kind zu bekommen, nur von 300 zu 1 auf 150 zu 1 erhöht. Die Frau aber stehe tagelang in heller Aufregung.

Testerei weckt falsche Erwartungen

Vergeblich haben Humangenetiker aufgrund der vielen falschen Diagnosen immer wieder vor dem Test gewarnt. Viele Gynäkologen drängen ihren Patientinnen den Test bis heute förmlich auf, kritisiert Margot von Renesse. In ihrer eigenen Familie erlebt die Politikerin die ungefragte ärztliche Fürsorge. Erst auf mehrmaliges Nachfragen wurde ihrer Tochter mitgeteilt, wozu die Blutentnahme dienen soll. Gefragt wurde die Schwangere nicht. Mittlerweile hat sich der Triple-Test so weit etabliert, dass selbst Kritiker der Methode wie Verbandspräsident Bender unsicher sind, ob sie nicht verpflichtet sind, die zweifelhafte Blutanalyse anzubieten.

Zurzeit verdrängt eine neue Prüfmethode den Triple-Test. Dabei prüft der Gynäkologe die Dicke der Nackenfalte des Fötus auf einem speziellen Ultraschall. In Kombination mit zwei Blutwerten rechnet ein Computerprogramm das Behinderungsrisiko aus. In den USA und den Niederlanden fordern Ärzte bereits, ihn in die obligate medizinische Schwangerschaftsbegleitung aufzunehmen. Denn der Test gilt als weit zuverlässiger als sein Vorgänger. Gleichzeitig schmiedet er Fürsorge und Selektion enger aneinander - zu einem noch früheren Zeitpunkt. Will der Gynäkologe seiner Informationspflicht nachkommen, muss er, nachdem er der Frau zur Schwangerschaft gratuliert hat, ihr mitteilen, dass man nun nach den möglichen Behinderungen ihres Kindes sucht. "Das ist unglaublich brutal", sagt die Bremer Frauenärztin Barbara Dennis. Manchmal klärt Dennis ihre Patientinnen darüber auf, was der erste Ultraschall zutage fördern kann. Manchmal verfährt sie nach der Methode "Augen auf und durch": "Ich schaue hin und hoffe, nichts zu sehen."

Dennoch treiben nicht nur die Ärzte die Babytesterei voran. Unter Frauen genießt die Pränataldiagnostik eine hohe Akzeptanz. "Schwangere empfinden die Fruchtwasseruntersuchung als Zitterpartie", sagt Irmgard Nippert von der Universität Münster. "Aber wenn das Ergebnis erfreulich ist, fühlen sie sich beruhigt." Selbst die Gefahr, ihr gesundes Kind bei der Untersuchung zu verlieren, scheint viele Frauen nicht zu schrecken. Rund eine von 100 Amniozentesen endet mit einem Abort. Die Wahrscheinlichkeit, durch die Untersuchung eine Behinderung zu entdecken, ist niedriger. "Rein mathematisch betrachtet, ist die Fruchtwasseruntersuchung Irrsinn", meint Frauengesundheitsforscherin Nippert. Doch viele Frauen würden das Risiko unterschiedlich einschätzen. Ein behindertes Kind, so die Logik, belastet ein Leben lang. Eine Fehlgeburt lässt sich durch eine erneute Schwangerschaft ausgleichen.

Das Vertrauen in die pränatale Diagnostik ist groß, zu groß, wie Humangenetiker kritisieren. "Viele Frauen glauben, wenn die Ärzte beim Test nichts gefunden haben, ist ihr Kind gesund", sagt Wolfram Henn. Das sei jedoch eine "völlig unrealistische Erwartungshaltung". Denn die wenigsten Behinderungen lassen sich bereits im Mutterleib entdecken. Die meisten Schädigungen sind Folgen einer zu frühen oder komplizierten Geburt. Zugleich führen die Tests zu einer falschen Risikoeinschätzung. Selbst bei einer 40-jährigen Frau liegt das Risiko, ein Kind mit einem Down-Syndrom zu gebären, bei einem Prozent und nicht bei zwanzig oder mehr, wie viele glauben.

Falsche Erwartungen, Fehldiagnosen, überstürzte Entscheidungen - fachkundige Information der Schwangeren könnte den gefährlichen Nebenwirkungen der Pränataldiagnostik begegnen. Doch zeigen sich gerade hier die gravierendsten Mängel, stellt eine neue Studie des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Bundestag fest. Zum einen übersteigt die Zahl der von Ärzten abgerechneten Untersuchungen bei weitem die Zahl der Beratungen. Das heißt, die Aufklärung über das Für und Wider eines Tests entfällt. Zum anderen fehlen den meisten Gynäkologen die Zeit und die Ausbildung für das schwierige Gespräch über einen möglichen Abbruch nach einem auffälligen Testergebnis. Doch nur wenige Mediziner schicken die Schwangere zu einer unabhängigen Beratungsstelle wie die Bremer Frauenärztin Barbara Dennis. Wie sehr die Qualität der Beratung die Entscheidung der betroffenen Paare beeinflusst, hat Gesundheitsforscherin Nippert am Fall des Klinefelter-Syndroms belegt. Der relativ leichte Chromosomdefekt - er ist bei Männern häufig mit Unfruchtbarkeit verbunden - führte je nach Beratungsstelle zu Abbruchraten zwischen 0 und 77 Prozent. Je akkurater und qualifizierter die Information war, desto größer war die Bereitschaft der Frauen, ihre Schwangerschaft fortzusetzen.

Viele Gynäkologen beschränken sich darauf, die zu erwartende Schädigung des Kindes medizinisch zu erläutern und die Frau zum Abbruch im Krankenhaus anzumelden. Als Petra Dreier beim nächstgelegenen Humangenetischen Institut in Bad Homburg ihre Fruchtwasserprobe abgab, wusste sie nicht, dass hier Mediziner und Psychologen eine umfassende Beratung anbieten.

Das Ehepaar Kastel hatte mehr Glück. Bereits einmal hatte Mona Kastel ein schwer behindertes Kind zur Welt gebracht, das nur wenige Tage lebte. Als sie wieder schwanger wurde, überwies ihr Gynäkologe sie an die Homburger Beratungsstelle. Erneut erbrachte die Amniozentese einen pathologischen Befund. Mehrere Stunden nahmen sich ein Arzt und ein Psychologe für das Paar Zeit. Sehr einfühlsam, erinnert sich Mona Kastel, stellten sie die Alternativen dar, "ohne uns eine Meinung aufzudrängen". Die Eheleute entschieden sich für eine Abtreibung, da das neue Kind nur kurze Zeit und unter Schmerzen lebensfähig gewesen wäre. Auch während und nach dem Abbruch waren die Helfer dabei. "Sie sorgten dafür, dass wir unser Kind noch einmal sehen konnten", so die Frau. Drei Stunden blieben die Eltern bei ihrem toten Kind und nahmen Abschied.