Gerade erst hat Stoiber auf dem Bezirksparteitag der CSU in Dingolfingen klar gemacht, für wie dramatisch er das Versagen der rot-grünen Wirtschaftspolitik hält. "Dieser Abschwung ist Schröders Abschwung!", ruft er in den Saal. Ohne die Südländer Bayern, Hessen und Baden-Württemberg stünde das Land ohne Wachstum da. Der Wähler habe das übrigens längst begriffen: "Beim Thema Wirtschaftskompetenz liegen wir längst wieder vor der SPD."

Solche Zahlen wecken Hoffnung. Vor gut drei Jahren war es Gerhard Schröder, der sich im Wahlkampf als Wirtschaftsmacher stilisierte. Nun träumen Unionsstrategen, Stoiber könne den Kanzler mit dessen eigenen Waffen schlagen: Schröder wollte sich an seinem Ziel, die Arbeitslosenzahl auf 3,5 Millionen zu drücken, messen lassen; Stoibers bayerischen Zahlen - Arbeitslose, Hochtechnologie-Unternehmen, Patentanmeldungen - sind besser und sprechen für sich, finden Stoibers Anhänger. Dazu passt, dass Stoiber in der vergangenen Woche erstmals den Bundeskanzler in der Beliebtheitsskala der Emnid-Meinungsforscher überholte: 63 Prozent der Befragten attestierten Stoiber gute Arbeit, Schröder bekam nur Zustimmung von 62 Prozent. Noch eindeutiger fällt Stoibers Vorsprung aus, wenn ausschließlich Manager befragt werden.

Nur klingt der CSU-Spitzenmann gar nicht nach einem Darling für die Chefetagen. "So einfach kann die Wirtschaft sich nicht aus der Verantwortung stehlen und die gesellschaftlichen Folgen der Zuwanderung auf andere abwälzen", ruft Stoiber beim CSU-Parteitag und zitiert Max Frisch: "Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen." Neu sind solche Töne nicht. Berühmt wurde Stoibers Empörung über "Manager, die in Deutschland Golf spielen und im Ausland Steuern zahlen".

Stoiber - ein Lieblingskandidat der Wirtschaft? Ein Geschäftsführer von einem der großen Wirtschaftsverbände winkt gelangweilt ab. Stoiber sei bei den Bossen angesehener als Schröder, doch das eigentliche Interesse der Manager und Unternehmer gelte derzeit der FDP. Den Liberalen traue man die Machtteilhabe eher zu als der desolaten Union. Hinzu kommen inhaltliche Differenzen. Die CSU brauche nun mal viele kleine Leute für ihre großen Mehrheiten, so ein Stoiber-Mitarbeiter: "Deshalb funktioniert sie wie eine Große Koalition innerhalb einer einzigen Partei." Mit anderen Worten: Wer Stoiber wählt, wählt ein bisschen Sozialdemokratie gleich mit.

Ein Wirtschaftsliberaler war der CSU-Chef ohnehin noch nie. Bevor er 1988 bayerischer Innenminister wurde, liebäugelte er mit dem Sozialministerium, als Generalsekretär stellte er sich bei Parteidebatten häufig auf die Seite der Sozialstrategen. Erst später, so Stoiber, habe er verinnerlicht, "dass sozial ist, was Beschäftigung schafft".

Es hinderte ihn nicht, die rot-grünen Steuerpläne zu kritisieren, wonach Veräußerungsgewinne aus Unternehmensbeteiligungen abgabenfrei bleiben sollten, oder weitaus strengere Auflagen für Genforscher zu fordern als der Kanzler. Auch bei der Green-Card-Initiative, bei der Debatte um Zuwanderung, dem Euro oder der Osterweiterung vertritt Stoiber nicht die Haltung der Industrie.

Schon in der vergangenen Legislaturperiode attackierte Stoiber die Kohl-Regierung regelmäßig von links und provozierte die Mehrheit der Union fast so sehr wie Schröder die SPD. Schröder gab den Genossen der Bosse, Stoiber den Unionschristen für den kleinen Mann von nebenan. Schröder forderte gemeinsam mit den Arbeitgebern den Samstag als Regelarbeitstag, Stoiber wetterte mit den Gewerkschaften gegen die Kürzung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und gegen Härten bei Gesundheitsreform und Rente. Der Quertreiber aus Niedersachsen wünschte sich mehr Wirtschaftskompetenz in seiner Partei, der Kohl-Widersacher aus dem Süden monierte, die Union habe kein Gespür für soziale Gerechtigkeit. Beide drängten machtvoll in die Mitte.