Wer in Großbritannien einen Herzinfarkt erleidet, der bekommt zur Erstbehandlung eine besonders potente Droge injiziert. Schlagartig verfliegen Todesangst und Schmerzen, die Miene hellt sich auf. Verantwortlich für das schnelle Glück ist Diamorphin - hierzulande besser bekannt unter dem Namen Heroin. Die britischen Doktoren, so scheint es, pflegen ein unverkrampftes Verhältnis zu dem berüchtigten Suchtstoff.

Manche deutschen Politiker und Ärzte halten den Einsatz von Heroin als Therapeutikum für Teufelswerk - besonders bei Drogenabhängigen. Doch entgegen aller Skepsis soll nun eine bundesweite Studie klären, ob in problematischen Fällen eine Heroinabgabe unter ärztlicher Aufsicht besser ist als die bisherige Therapie mit dem Ersatzstoff Methadon. Das Pilotprojekt der "heroingestützten Behandlung" startet mit über 1000 Teilnehmern voraussichtlich Anfang 2002 in München, Frankfurt, Karlsruhe, Bonn, Köln, Hannover und Hamburg. Finanziert wird es vom Bundesgesundheitsministerium, den beteiligten Städten und Ländern.

Um Abhängige von den fatalen Auswirkungen ihres Heroinkonsums zu befreien, gelten nach Ansicht der meisten Drogenspezialisten eigentlich Ersatzpräparate wie Methadon als Mittel der Wahl. Diese Substanzen ermöglichen den Süchtigen ein fast normales Leben, indem sie unangenehme Entzugserscheinungen verhindern und die Beschaffungskriminalität überflüssig machen. Nur erzeugt Methadon kein euphorisches Hoch. Einige Abhängige vermissen die berauschende Wirkung des Heroins so dringend, dass sie schon bald wieder in den unkontrollierten Drogenkonsum abdriften. In ausgewählten Fällen sollen sie nun regelmäßig den "wahren Stoff" erhalten.

Eine Studie zur Herointherapie in der Schweiz verlief sehr erfolgreich. Der im vergangenen Jahr veröffentlichte Abschlussbericht erwähnt "eine signifikante Verbesserung der Lebensführung, eine Reduktion der Kosten von Strafverfolgung und Strafvollzug sowie von Krankheitsbehandlungen".

Schätzungen zufolge war die Behandlung nur halb so teuer wie die bisher üblichen Therapien und Krankenhausaufenthalte der Süchtigen.

In Deutschland könnte die Herointherapie der Beginn einer pragmatischeren, ehrlicheren Hilfe für Junkies sein. Die bisherigen Angebote einer Substitution mit Methadon, die unter Experten unumstritten als wirksam gilt, waren vielfach halbherzig.