Die Revolution frisst nicht nur, sie gebiert auch ihre Kinder. Seit dem Herbst 1999 in Seattle trumpfen die Gegner der Globalisierung auf. Ihre Argumente sind geläufig: Die Marktwirtschaft kenne keine ethischen Grenzen mehr, sie wälze Politik und Kultur um, verschaffe wenigen große Gewinne, hinterlasse aber bei allen anderen eine beträchtliche Dosis Unvertrautheit im Leben, vom Elend der Dritten Welt ganz zu schweigen. Seit längerem schon organisiert sich im World Wide Web eine globale Jugendbewegung. Anders als in den sechziger Jahren, da die Anliegen der kalifornischen Studenten, der deutschen und französischen Apo ganz verschiedene waren, vereint die neue Bewegung, die sich auf den Straßen Nizzas, Göteborgs und Genuas traf, eine moralische Inbrunst zur Errettung der Welt, die an Kinderkreuzzüge erinnert und die inzwischen kein Politiker mehr ignorieren kann. Zum Welternährungsgipfel in Rom wird im November das gleiche Schauspiel aufgeführt. Jahrelang war die Welt von ihrer eigenen kommunikativen Vernetzung fasziniert. Jetzt erlebt sie ihre politisch-inhaltlichen Konsequenzen.

Widerstand aus der Mitte

In Wirklichkeit prägen nicht vermummte Radauprofis den Kern dieser weltweiten Apo, sondern Schüler und Studenten

Umweltaktivisten sind dabei und sozial engagierte Christen, Softwareingenieure, Medienleute und Werber. Auf ihren T-Shirts steht "Widerstand". Großenteils stammen sie aus den wohlhabenden Mittelschichten des Westens. Sie haben Zeit für andere. Mit dem Phänomen der Globalität sind sie aufgewachsen. Internationaler Markenwahn und Popkultur gehörten zu ihrer Kindheitsgeschichte. Fremde Länder zu kennen und mehrere Sprachen zu beherrschen ist für sie selbstverständlich, ebenso mit Computer und Handy umzugehen. Einem unkontrollierten weltweiten Produktionsprozess auf Kosten von Kinderelend, Raubbau und sozialer Gerechtigkeit sprechen sie alle Rechtmäßigkeit ab. Doch man weiß nicht, ob sie sich mit dem Neinsagen begnügen werden oder ob sie den Prozess eines Tages kontrollieren wollen. Das hieße auch: Mitverantwortung im eigenen Land zu übernehmen.

Anders als konservative Kulturdiagnostiker vermuteten, haben sie all die Jahre etwas anderes getan, als nur um den geschenkten Golf zu tanzen. Die "Erlebnisgesellschaft" ist nicht im Hedonismus versunken. Die Jüngeren haben hingesehen, sich informiert und ihren moralischen Sinn geschärft. Sie leiden mit Menschen, die in Chiapas oder im Sudan elend vegetieren, und sie probieren eine Tugend aus, die bei ihren Eltern nur noch als Floskel vorkommt: Solidarität. Es ist ihnen nicht gleichgültig, dass durch weltweite Firmenfusionen neue Arbeitslosigkeit entsteht, während die Mehrheit im Wohlstand lebt. Es ist ihnen auch nicht gleichgültig, dass Afrika mit Aids, Hunger und Flüchtlingselend allein bleibt. Sie verzweifeln am Irrsinn, den Regenwald abzuholzen, und erlauben sich eine gewisse Sentimentalität für Wale. Die "Generation Widerstand" lässt sich von ihren Gefühlen bewegen. Je selbstbewusster sie auftritt, desto dringlicher ist es allerdings, sich Gedanken über Formen und Funktionen solchen Widerstands zu machen.

Dass ein wildwüchsiges, die Erde umspannendes Engagement, dass zahllose untereinander vernetzte Initiativen, regionale, nationale, globale, die sich zanken und dann wieder zu Koalitionen zusammenschließen, dass snobistisches Einzelkämpfertum und professionell organisierte NGOs längst eine starke Kraft im Zeichen des Antiglobalismus darstellen, ist eine Tatsache. Ihre Auftritte werden weltweit im Fernsehen verbreitet. Sie wirken zurück auf den politischen Prozess in den Demokratien der postindustriellen Welt. Nur ist es schwierig, eine solche Kraft selbst schon "politisch" zu nennen. Denn alle Versuche, ihre Energie, die sich aus Zorn, Träumerei und weltausgreifendem Moralismus speist, zu qualifizieren - und damit auch irgendwann Einlass in die gewählten Entscheidungsgremien zu erkämpfen -, beziehen sich auf den Nationalstaat, auf dessen Institutionen und schwerfällige Prozeduren.

Die neue Jugendbewegung setzt aber wenig Hoffnungen in den Staat und seine Parlamente. Deswegen benötigt sie auch keine parteipolitischen Führungsfiguren. Nicht die Grünen stehen auf den Barrikaden, sondern deren Kinder. Vergesst "Joschka" Fischer: nichts weiter als ein Staatsmann mit komplizierter Vergangenheit! Empfahl er vor Genua nicht, Freudenfeste zu feiern, statt zu protestieren, da doch der Gipfel übers Elend in der Welt zu plaudern geruhte? Solche Worte werden von Jüngeren als nackte Herablassung empfunden. In ihren Augen war es sowieso ein Fehler, soziale Bewegungen in eine Partei zu überführen. Zu eng sei der parlamentarische Rechtsstaat in die Dynamik der Globalisierung verstrickt, als dass der weltweite Kapitalismus noch durch seine Teilnahme am Kräftespiel der Demokratie moderiert werden könne.