Am liebsten hätte ich ja den ganzen Kerl eingepackt. Aber fürs Handgepäck war er entschieden zu bullig und rauchte zu viel, und was sollte einer wie Kaur Kender auch in Hamburg? Da kennt ihn keiner, in Estland ist der Schriftsteller ein Superstar. Guckt cool als negatives Beispiel von den Plakaten einer Anti-Aids-Kampagne, hat sogar einen Weg gefunden in die Hochglanzbroschüre von Estonian Airways - der erste und einzige Popliterat seines Landes als Vorzeigesubjekt.

In der winzigen Baltenrepublik ist es viel, wenn ein Buch eine Auflage von 2000 Exemplaren hat. Kender verkauft von jedem seiner Romane das Dreifache.

Aber solche Vergleiche bedeuten dem 30-Jährigen sowieso nichts. Er, der aus der Werbebranche kommt, eine eigene Agentur aufbaute und wieder ruinierte, begreift sich als Entertainer: Ich befinde mich nicht im Wettbewerb mit den anderen Schriftstellern. Die sind alle typisch estnisch, also langweilig.

Mein Konkurrent heißt Tom Cruise.

An einem Nachmittag mit ihm im eisweißen, londonwürdigen Ambiente des Clubrestaurants Pegasus in Tallinns Altstadt kann man ein glasklares Bild seiner Heimat gewinnen: ein negatives. Die Russen nennen die Esten Waldmenschen - recht so. Seine Muttersprache, die doch allen Esten heilig ist? Schon wenn ich das Wort Estnisch schreibe, kommt es mir wie eine Lüge vor. Sprachen sind wie Zimmer in einem Haus: Manche sind halt klein und haben keine Klimaanlage ... Die intakte Natur, die Elche und Bären, die See? Ein Märchen. Wir gehörten zur Sowjetunion, Mann! Die schönen Frauen, von denen einige internationale Supermodels wurden? Esten sind hässlich. Und sie werden noch hässlicher im Suff. Also ständig. Ein Albtraum! Jaan Kaplinski, der Günter Grass Estlands und ewige Nobelpreiskandidat? Ein Arschloch und Lügner, der öffentlich Abstinenz predigt und doch nur dasitzt und auf seine Rente als Parlamentarier wartet. Stolz, behauptet Kaur Kender, sei er allein auf Estlands Drogendealer, die härtesten Europas, schlimmer als die Russen.

Wenn Kender nur genug Geld hätte, zwei, drei Millionen Dollar, würde er sofort emigrieren. Bislang reicht es aber nur zu einem viermonatigen Winterquartier in Goa. Vielleicht ändert sich das ja mit seinem nächsten Projekt: Zusammen mit dem Chef der größten estnischen Bank schreibt er an einem lustigen Buch über Investmentbanking. In diesem antiestnischsten aller Esten steckt wie in einer hoch konzentrierten Pille das ganze Land, freilich mit negativem Vorzeichen. Aber offenbar haben seine Landsleute einen Hang zur Selbstkasteiung, jedenfalls wird sein jüngstes Werk sogar für 500 estnische Kronen, immerhin 60 Mark, als Souvenir im Duty-free-Shop des Tallinner Flughafens verkauft: Läbi Rahulike Silmade - Through Peaceful Eyes, ein Prachtband mit zwei Dutzend Kurz- und Kürzestgeschichten von Kaur Kender auf Estnisch und Englisch sowie leicht schwülstigen Fotos seines Freundes Herkki Erich Merila. Das hab ich dann mitgenommen, Geschichten über Frauen, Clubs, die Liebe, das Leben. Ist trotz des üppigen quadratischen Formats weniger sperrig als sein Schöpfer.