Tokyo

Ich bin Koizumi, das Löwenherz", behauptet der neue japanische Premier auf seiner Website, als gelte es, der elektronisch versierten Jugend Japans im Comic-Jargon seine ungewöhnliche Persönlichkeit noch näher zu bringen, als sie der hippen Generation Nippons sowieso schon ist. Wie ein Löwe sieht er nicht aus, nur ganz anders als die jahrein, jahraus vorbeidefilierenden, physiognomisch austauschbaren Regierungschefs. Grau wie sie ist allenfalls Junichiro Koizumis Haartracht - darüber hinaus ein bisschen zu lässig, ein bisschen zu lang, ein bisschen zu jugendlich, vor allem aber: anders.

Versetzt er die Japaner nur deshalb in Aufregung, weil ihre bisherigen Regierungschefs kein wirkliches politischesProfil hatten? Oder ist er ein japanischer Gorbatschow, der das System der Liberaldemokratischen Partei (LDP) sprengen und die zweitgrößte Ökonomie auf dem Globus zugleich in die Depression treiben wird - mit verheerenden Folgen für die Weltwirtschaft?

Nicht einmal die Leitartikler der großen japanischen und amerikanischen Zeitungen wagen bislang, ein klares Urteil über den seit April in Tokyo regierenden Premierminister zu fällen. Nur die Tokyoter Boulevardblätter überbieten einander mit Koizumi-Schlagzeilen. Wer sagt denn, Koizumi sei ein japanischer Richard Gere?, fragte diesen Monat das Wochenblatt Shukan Gendi in Großschriftzeichen. Und antwortete gleich selbst: "Er ist doch nur ein müder Onkel mit Lesebrille."

Koizumi ist eben Hoffnungs- und Gefahrenträger in einem. Wo er auftritt, liegt ihm das Volk wie einem Popstar zu Füßen. Nicht nur entzückte junge Mädchen mit bunt gefärbten Haaren kreischen zu Tausenden den Kosenamen "Jun-chan", wenn ihr Regierungschef - wie letzte Woche vor dem Bahnhof in Kyoto - zur Rede über strukturelle Reformen anhebt. Auch ältere Generationen strömen herbei, um einem neugeborenen "Superstar" (Yomiuri-TV) zuzujubeln.

Mehr als 80 Prozent aller Japaner unterstützen ihn - und das in einem Land, in dem laut Umfragen ebenso viele Bürger mit der Politik im Allgemeinen unzufrieden sind. Die Kritiklosigkeit, mit der sich die ohnehin nicht gerade selbstkritischen Japaner dem Charme ihres neuen Führers hingeben, weckt alte Ängste vor einem neuen Nationalismus. Wochenlang überzog das Land eine geradezu hasserfüllte Stimmung gegen jene, die den Premierminister offen kritisierten. Viele Medien übten Selbstzensur, nachdem wütende Proteste aus Hörer- und Leserschaft auf die Gegner niederprasselten. Diese Stimmung wich erst kurz vor den Wahlen zum Tokyoter Oberhaus am vergangenen Sonntag, als im Laufe der normalen demokratischen Wahldebatte das Recht auf Kritik wieder zur Geltung kam. Die Oppositionsparteien trauten sich endlich aus der Reserve und klagten über Koizumis leere Reformversprechen - wofür sie allerdings sofort eine heftige Quittung an den Wahlurnen erhielten. Dem Premier indessen gelang Unglaubliches: Nach neun Jahren fortwährender Stimmenverluste bei den alle drei Jahre stattfindenden Wahlen zur zweiten japanischen Parlamentskammer fuhr er mit der zuvor verbraucht wirkenden LDP erstmals deutliche Gewinne ein. Bis zu seiner Amtsübernahme hatten alle politischen Beobachter des Landes mit einem deutlichen Sieg der Opposition bei den Oberhauswahlen gerechnet.

Als erster Politiker hielt er eine Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede